Die Digitalisierung des Gesundheitswesen - Auf dem Weg zum gläsernen Patienten!

Seit diesem Jahr gibt es die elektronische Patientenakte für gesetzlich Versicherte. Alle Behandlungsdaten mit Röntgenbildern, Medikamenten, Krankheitsverläufen, Befunden, Diagnosen, Therapiepläne u.a. stehen digital auf einen Blick in einer App zur Verfügung. Die Daten der ePA werden zentral auf Servern in Deutschland gespeichert und verschlüsselt.gesund02

Ebenfalls geplant ist für 2022 der Start des E-Rezepts in ganz Deutschland. Statt des alten rosa Papierrezepts kann das elektronische Rezept auf dem Smartphone vorgezeigt werden. Allerdings muss das Smartphone den NFC-Übertragungsstandard unterstützen. Die benötigte App - wen wundert es gibt zum runterladen bei den Datenschleudern von Apple und Google.

Bei Ärzten, Apotheken und Patienten ist die ePA weiterhin aus Datenschutzgründen umstritten. Die Konnektoren sind die VPN-Hardware - die Praxen, Krankenhäuser und Apotheken mit der Telematikinfrastruktur verbinden. Die Konnektoren mussten wegen Sicherheitslücken (siehe Chaos Computer Club) wiederholt ausgetauscht werden. 15-20 Prozent der Arztpraxen und Kliniken sind bisher noch nicht angeschlossen. Praxen die sich der Telematik verweigern, drohen Honorarkürzungen mit 2,5 Prozent des Jahreshonorars. Weniger als ein Prozent der bundesweit Versicherten nutzt bisher den Service der ePA.

Den Aufbau der Telematikinfrastruktur (TI) koordiniert die Projektgesellschaft Gematik im Auftrag des von Jens Spahn geleiteten Gesundheitsministeriums. Der Umbau der TI kostete laut GKV-Spitzenverband allein zwischen 2008 und 2019 insgesamt 2,5 Milliarden Euro die in Telematikinfrastruktur-Projekte geflossen, ohne die angestrebten Ziele oder überhaupt einen Regelbetrieb zu erreichen.

Obendrauf kommt nun noch eine wohl bald wieder obsolete Hardware für über zwei Milliarden Euro. Ende Januar veröffentlichte die Projektgesellschaft Gematik ein Whitepaper zur „TI 2.0“ In dieser grundlegend neu konzipierten TI des Gesundheitswesens sollen demnach ab 2025 viele Dinge wegfallen, mit denen sich Versicherte, Ärzte und Apotheker heute befassen müssen – unter anderem die Hardware, ohne die sie gar nicht auf die TI kämen. Also die Konnektoren, die sogenannten „offenen Zugangsschnittstellen im Internet“. Im Sommer 2020 waren nach einem fehlerhaften Zertifikatswechsel rund 80.000 Arztpraxen aus der telematischen Infrastruktur geflogen. Die gesamte Störungsbeseitigung dauerte 52 Tage.

Ausgehend von den Erfahrungen aus der Störung soll die Telematikinfrastruktur als TI 2.0 neu konzipiert werden:

- Dazu gehört, dass der Zugang zu Diensten auf der TI in Zukunft unabhängig von den Konnektoren erfolgen soll (trotzdem werden Arztpraxen nach wie vor zu den Konnektoren gezwungen).

- Die bisher auf Chipkarten aufsetzenden Anwendungen sollen auf Dienste der TI verlagert werden.

- Ein föderiertes Identitätsmanagement mit einheitlichen Standards soll den administrativen Aufwand sowie Identitäsmissbräuche auf ein Minimum reduzieren.

Laut den Plänen der Gematik würden damit Versicherte ihre Gesundheitskarte abgeben, Ärzte ihren Heilberufeausweis. Statt zu einer physischen Karte greifen sie dann zum Smartphone. Diese Anforderung erreicht man allerdings nur mit geeigneter kryptografischer Hardware. Genau darin liegt der Sprengstoff: Aktuell schätzen Experten, dass solche Hardware in höchstens 30 Prozent der im Umlauf befindlichen Smartphones eingebaut ist. Dieser Anteil mag bis 2025 höher werden. Dennoch wird ein Teil der Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung sowie der Mitglieder der Ärztekammern bis dahin noch kein Gerät mit Secure Element besitzen.überwachung big brother

Was sich auch bei der neuen TI 2.0 nicht ändern wird: das Speichern der Patientendaten in e-Clouds. Zahnarzt Wanninger sieht das in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk kritisch. Hacker könnten leichter an Patientendaten gelangen, als bisher. Zudem fürchtet er, dass durch die ePA Daten für die Politik, Arbeitgeber und Krankenkassen ersichtlich werden. "Zur Folge könnte es haben, dass ein Patient, der sportlich und jung ist, einen niedrigeren Krankenkassenbeitrag zahlen müsste. Einer, der übergewichtig ist, der müsste bei der Krankenkasse mehr zahlen, weil er ein höheres Risiko birgt."

Datenschützer formulieren nicht umsonst immer wieder Kritik an der TI und der ePA. So soll jeder Bürger bei Geburt oder Zuzug automatisch eine ePA bekommen. Dem kann rein theoretisch widersprochen werden.  Dies sollte im Zusammenhang mit dem neuen Registermodernierungsgesetz das im Januar verabschiedet worden ist gesehen werden.Das Gesetz ist ein weiterer Schritt zum digitalisierten, gläsernen Menschen und sieht vor Informationen aus 56 staatlichen Datenbanken und Registern miteinander zu verbinden. Passend dazu wurde vom Bundestag das "Digitale Versorgungsgesetz" verabschiedet. Nebulös bleibt darin geregelt, wer ein berechtigtes Interesse haben darf unsere privaten Gesundheitsdaten auszuwerten und zu verwenden. Es ist davon auszugehen, dass das "berechtigte Interesse" grenzenlos sein wird. Und wie im Digitalen Versorgungsgesetz vorgeführt, lassen sich Zugriffsrechte und berechtigtes Interesse problemlos anpassen.

Den technologischen Fortschritt und die Digitalisierung aufhalten zu wollen wird nicht funktionieren. Aber wir können Sand im Getriebe des Technologischen Angriffs sein, der sicherlich nicht die Absicht hat die Ausbeutung der Menschen abzuschaffen und für Wohlstand für alle zu sorgen. Bisher werden wir noch nicht gezwungen die ePA zu nutzen. Aber das kann sich schnell ändern. So wie ab August der Fingerabdruck im Personalausweis verpflichtend ist, oder auch nie vorgesehen war eine eindeutige Personenkennzahl als Steuer-ID. Wir sollten Arztpraxen  die sich als "telematikfreie Praxis" bezeichnen und Initiativen die sich gegen die Digitalisierung des Gesundheitswesen wehren unterstützen.

Zum Verteilen und informieren gibt es ein Flugblatt von Gesundheitsdaten in Gefahr: Zu Risiken und Nebenwirkungen der elektronischen Patienenakte -  als PDF zum runterladen.