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Diese Russen wollen keinen Krieg – Buch über russische Antimilitarist*innen

Presseartikel - Buchrezession von Wochenzeitung Freitag

„Seit Beginn der ‚Militärischen Spezialoperation‘ der russischen Streitkräfte in der Ukraine nahmen Tausende Menschen in Russland an Antikriegsprotesten teil. Allein in den ersten Wochen wurden 13800 Menschen festgenommen“ schreibt der in Bremen lebende Historiker Ewgenly Kasako) in seinen kürzlich im Unrast-Verlag erschienen Buch „Spezialoperation und Frieden – die russische Linke gegen den Krieg“ (https://unrast-verlag.de/produkt/spezialoperation-und-frieden/).

Zunächst gibt Kasakow einen allgemeinen Einblick in die politische Lage in die Ukraine und Russland. Dort beschreibt er das Putin-Regime sehr differenziert. „Man kann nicht das unter Putin entstandene Herrschaftssystem erklären, wenn man sich lediglich auf den Repressionsaspekt konzentriert und die massive Integrationskraft des Regimes unbeachtet lässt.“ So gibt es putinloyale Monarchisten, Sowjetnostalgiker, Marktwirtschaftler und auch einige, die sich als Linke begreifen. Die aber lässt er im Buch rechts liegen. Er konzentriert sich auf den Teil der Linken, die klar den Einmarsch in die Ukraine ablehnen. Hier hat Kasakow hat hier Pionierarbeit geleistet und stellt die verschiedenen Fraktionen der Linken von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern bis zu Feministinnen und Anarchisten vor, zeichnet ihre Spaltungen und Zerwürfnisse nach und widmet sich dann der Frage, wie sie sich theoretisch und praktisch zum Krieg in der Ukraine positionieren.

Die Kommunistische Partei Russlands und der Ukrainekrieg

Wie wichtig Kasakows Anspruch ist, einen differenzierten Blick (https://www.nd-aktuell.de/artikel/1166607.russische-antikriegsbewegung-ein-differenzierter-blick-ist-wichtig.html) auf die verschiedenen Gruppen zu werfen, zeigen die unterschiedlichen Positionen zum Ukrainekrieg in der größten russischen Oppositionspartei, der Kommunistischen Partei Russlands. Die sozialkonservative Parteiführung gibt sich als Unterstützerin der russischen Außenpolitik. Doch an der Basis waren schon zu Beginn des Krieges andere Töne zu hören. So haben die „Resolution des runden Tisches der linken Kräfte“ vom 24.02.2022 auch Mitglieder der Kommunistischen Partei Russlands unterzeichnet. Dort heißt es ganz klar. „Wir verurteilen die …. Invasion in die Ukraine, weil sie zum Tod von Tausenden von Menschen auf beiden Seiten führen wird. Die ökonomische Lage der Werktätigen beider Länder wird sich verschlechtern.“

Fast ein Jahr später zeigt sich, wie recht die Verfasser dieser Resolution hatten. Kasakow zeigt auch, dass die Politiker*innen der Kommunistischen Partei Russland, die sich für eine Anerkennung der östlichen Provinzen der Ukraine als Teil Russlands aussprachen, damit gegen eine Ausweitung des Konflikts waren. Sie unterstützten die Absatzbewegung der Donesz-Republiken, die auch von einem Teil der dortigen Bevölkerung getragen wurden, sprachen sich aber gegen den Angriff auf die übrige Ukraine aus. In einen eigenen kleinen Kapitel widmet sich Kasakow dem Phänomen des Linksstalinismus, was eigentlich als Widerspruch erscheint, zumindest, wenn Emanzipation und Kampf gegen Macht und Autoritäten als einem unverzichtbaren Teil linker Politik betrachtet. Bei den von Kosakow beschriebenen Linksstalinist*innen handelt es sich meist um kleine Gruppen, die aber oft auch schnell zerfallen oder ihre poststalinistischen Positionen revidieren. So schreibt der Autor, dass es zu Annäherung zwischen ehemaligen Linksstalinisten und Trotzkisten kommt, manche öffnen sich sogar feministischen Diskussionen. Die Ablehnung des Ukraine-Kriegs ist dort weitverbreitet.

Auseinandersetzung im anarchistischen Lager

Auch im autonomen und anarchistischen Lager gibt es sehr unterschiedliche Positionen, allerdings gibt es dort keine Pro-Putin-Positionen, außer bei einzelnen Anarchist*innen der 1980er Jahre, die die Seiten gewechselt haben. „Die Spaltungslinien im anarchistischen Spektrum Russland verlaufen zwischen einer „Gegen Alle“-Position und einer kritischen Unterstützung der ukrainischen Selbstverteidigung“., schreibt Kasakow. Für erstere Position steht die Internationale Arbeiter Assoziation Mit zwei ihrer Mitglieder führt Kasakow ein Interview-. „Wir verurteilen sowohl die Invasion der russländischen Truppen, als auch die Handlungen der Ukraine und der Nato-Mitgliedsstaaten. Wir sehen es so, dass dieser Krieg – wie alle anderen Kriege im Zeitalter des Kapitalismus – nur den Interessen der herrschenden Klassen und Eliten dient und gegen die arbeitende Bevölkerung gerichtet ist. Deshalb unterstützen wir in unserer Internationale keine dieser kriegführenden Staaten und wünschen keiner den Sieg“, erklären sie ihre antimilitaristische Position. Hingegen beschwört der ehemalige Mitbegründer der anarchistischen Organisation KRAS  Wladimir Platonenko das bewaffnete ukrainische Volk und phantasiert von Freiwilligen aus aller Welt, die dort gegen den russischen Angriff kämpfen, ohne zu erklären, woher die kommen und welche politische Positionierung dahinter stehen soll.

Feministische Antikriegspositionen

Ein weiteres Kapitel widmet sich den feministischen Widerstand gegen den Krieg, der aber nur mit Abstrichen als links bezeichnet werden können. Schließlich sagte die von Kasakow interviewte Soziologin Masrija Wjatschinko, dass sie sich keineswegs als Linke versteht. Sie bezeichnet sich als dekoloniale Feministin. Für sie war auch die Sowjetunion eine Kolonialmacht, deren vollständige Auflösung sie fordert. Dass sich die Bolschewiki gegen großrussischen Chauvinismus wandten und nach der Gründung der Sowjetunion Programme für die Angleichung der Lebensbedingungen im ganzen Land initiierten, von denen gerade die im Zarismus ausgebeuteten Regionen profitierten. ist für Wjatschinko nur Propaganda. Mit dieser sehr prowestlichen Position ist Wjatschinko er auch im feministischen Lager umstritten. Das zeigt das im Buch abgedruckte Interview, das Kasakow mit der sozialistischen Feministin Alla Mitrofanowa ) führt. Sie erinnerte daran, die Menschen haben sich nach der Oktoberrevolution „massenhaft in das politische Leben eingeschaltet über horizontale Institutionen von Sowjets über Schenotdels (Frauenabteilungen) und den Proletkult“. Mitrofanowa bezieht sich auch positiv auf Rosa Luxemburg. Einige der im Bereich Feminismus vorgestellten Positionen korrespondieren mit der prowestlichen russischen Opposition, die vor allen in grünennahen Kreisen ehr protegiert wird. Am 22. Januar 2023 lag der Taz die deutschsprachige Ausgabe der russischen Zeitung Novaya Gazeta  bei, in der fast ausschließlich diese prowestlichen Stimmen der russischen Opposition zu Wort kommen, darunter auch Stimmen der extremen russischen Rechten. So schreibt ein Leonid Gozman: „Unser Land ist schon einmal verschwunden – es wurde von den Bolschewiken zerstört. Nach dem Oktoberputsch gab es ein Territorium, auf dem gewisser Wahnsinn stattfand, aber zu Russland, zu seiner Kultur, zu seiner Geschichte hatte das keinen Bezug mehr.“ Das sind die Positionen- russischer Nationalisten, die sowohl im Umfeld von Putin, aber auch in der Opposition vertreten sind. Zu diesen liberalen bis rechten Putin-Gegner*innen, die hierzulande sehr umworben werden, gehört auch die Journalstin Anastasia Tikhomirova, die als Widerstandsform gegen das russsische Regime    und die Solidarität mit der Ukraine  den Boykott der4 russischen Sprache entdeckt hat. Das ist besonders absurd, weil ganz viele Menschen in der Ukraine nur russsich reden und die prowestlichen Nationalist*innen nach den Maidan-Umsturz gezielt gegen die russsiche Sprache vorgingen. So ist    diese Aktion von nastasia Tikhomirova, nur  eine  Unterstützung dieser ukrainischen Ultranationalist*innen. Und so etwas wird uns dann als russische Oppossiton verkauft.

Russische Bündnispartner für eine Antikriegsbewegung

Es ist ein Verdienst von Kasakows Buch, dass dort die hierzulande verschwiegene linke Opposition in Russland zu Wort kommt. „Meinst Du die Russen wollen Krieg?“ So lautete der Titel eines eindrucksvollen Gedichtes des sowjetischen Schriftstellers und Dichters Jewgeniy Jewtuschenko. Lange wurde es von denen zitiert, die sich für gute Beziehungen zur Sowjetunion und später zu Russland aussprachen. Nach dem 24. Februar 2022 wagte kaum noch jemand das Gedicht zu zitieren. Doch Ewgenly Kasakow zeigt, dass längst nicht alle Menschen in Russland Krieg wollen. Im Gegenteil, viele nehmen Repressalien in Kauf für ihre Ablehnung des Krieges. Hier gäbe es Bündnispartner*innen für die Menschen in aller Welt, auch der Ukraine, die nach fast einem Jahr das Mordenauf allen Seiten beenden wollen. Mehrmals geht Kasakow in seinen fragen auch auf die Zimmerwalde Linke  ein, ein Bündnis von Arbeiterparteien, die im 1. Weltkrieg den Krieg auf allen Seiten bekämpften. Eine wichtige Kraft in der Zimmerwalder Linken waren 1915/16 die Bolschewiki.

Ewgenly Kasakow

Spezialoperation und Frieden

Die russische Linke gegen den Krieg

https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/ewgenly-kasakow-diese-russen-wollen-keinen-kreg

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