Corona

In den USA sind inzwischen 1920 infizierte Menschen registriert, 41 sind gestorben. Die Fallzahlen steigen rasant. Die Dunkelziffer dürfte aber höher liegen, denn bisher sind in den USA gerade mal rund 11 000 Menschen getestet worden, also so viele wie in Südkorea an einem Tag. Mehr Kapazitäten gibt es bisher nicht. »Ich trage überhaupt keine Verantwortung« antwortet Trump auf die Frage nach dem Mangel an Corona-Tests, als er am Freitag den Nationalen Notstand verkündet.

Der folgende Text von Mike Davis ist vor wenigen Tagen erschienen unter dem Titel »Mike Davis on COVID-19: The monster is finally at the door« in Links International Journal of Socialist Renewal. Mike Davis hatte 2005 ein Buch über die Vogelgrippe geschrieben.*

Die kapitalistische Globalisierung lässt sich biologisch nicht aufrechterhalten

Mit COVID-19 steht das Monster nun vor der Tür. Die Forschung arbeitet Tag und Nacht an der Entschlüsselung der Epidemie, aber sie steht vor drei riesigen Herausforderungen:

Erstens besteht wegen der immer noch knappen oder fehlenden Testsets keine Hoffnung mehr, die Epidemie einzudämmen. Aus diesem Grund sind auch keine genauen Schätzungen der Reproduktionsrate, Zahl der Infizierten und Zahl der gutartigen Infektionen möglich. Das führt zu einem Zahlenchaos.

Belastbarere Daten gibt es allerdings über die Auswirkungen des Virus auf bestimmte Gruppen in einigen Ländern. Diese Daten machen wirklich Angst. Italien z.B. meldet bei den Über-65-Jährigen eine Sterbequote von 23 Prozent, in Großbritannien sind es aktuell 18 Prozent. Was Trump als »Coronagrippe« abtut, ist eine beispiellose Gefahr für alte Menschen mit potenziell Millionen von Toten.

Zweitens mutiert das Virus wie bei den alljährlichen Grippewellen auf seinem Weg durch Bevölkerungen mit unterschiedlichem Altersaufbau und unterschiedlicher Immunabwehr. In Amerika verbreitet sich wahrscheinlich schon eine etwas andere Variante als in Wuhan zu Beginn der Epidemie. Weitere Mutationen könnten trivial sein, könnten aber auch dazu führen, dass die Virulenz des Virus nicht mehr wie bisher mit dem Alter zunimmt (bisher zeigen Babies und Kleinkinder nur milde Symptome, während Achtzigjährige oft tödliche Virus-Lungenentzündungen bekommen).

Drittens kann das Virus, selbst wenn es stabil bleibt und kaum mutiert, in armen Ländern und unter stark von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen ganz andere Auswirkungen auf unter 65-Jährige haben. Der Spanischen Grippe 1918-19 z.B. sind geschätzt ein bis zwei Prozent der Menschheit zum Opfer gefallen. Anders als das Corona-Virus war sie am tödlichsten für junge Erwachsene, was oft damit erklärt wird, dass diese ein stärkeres Immunsystem besitzen, welches auf die Infektion überreagierte und einen tödlichen »Zytokinensturm« auf ihre Lungenzellen losließ. Das ursprüngliche H1N1-Virus fand seine Nische in Armeelagern und Schützengräben, wo es zehntausende von jungen Soldaten niedermähte. Die Niederlage der großen deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 und damit der Kriegsausgang werden auch darauf zurückgeführt, dass die Alliierten anders als ihr Feind ihre kranken Armeen mit frischen Truppen aus den USA auffüllen konnten.

Meist wird dabei aber übersehen, dass immerhin 60 Prozent der weltweiten Todesopfer in Indien zu beklagen waren, wo Getreideexporte nach Großbritannien und brutale Requirierungspraktiken mit einer großen Dürre zusammenfielen. Wegen der daraus resultierenden Lebensmittelknappheit standen Millionen von Armen kurz vor dem Verhungern. Die Armen wurden Opfer einer finsteren Synergie zwischen Mangelernährung, die ihre Immunabwehr gegen Infektionen schwächte, und grassierenden bakteriellen und viralen Lungenentzündungen. Auch im britisch besetzten Iran fielen nach jahrelanger Dürre, Cholera und Lebensmittelknappheit etwa 20 Prozent der Bevölkerung einer Malaria-Epidemie zum Opfer.

Diese Geschichte – besonders die unbekannten Folgen des Zusammenspiels mit Mangelernährung und vorhandenen Infektionen – lässt befürchten, dass COVID-19 in den Slums von Afrika und Südasien einen anderen und tödlicheren Verlauf nehmen könnte. Die Gefahr für die Armen dieser Welt wird von den JournalistInnen und den westlichen Regierungen fast vollkommen ignoriert. In dem einzigen veröffentlichten Text, den ich gesehen habe, wird behauptet, die Pandemie in Westafrika würde einen milden Verlauf nehmen, weil die dortige Stadtbevölkerung schließlich die jüngste der Welt sei. Angesichts der Erfahrungen von 1918 ist so eine Hochrechnung dummes Zeug. Niemand weiß, was in den nächsten Wochen in Lagos, Nairobi, Karachi oder Kalkutta passieren wird. Sicher ist nur, dass die reichen Länder und die reichen Klassen sich auf ihre eigene Rettung konzentrieren werden – auf Kosten von internationaler Solidarität und medizinischer Hilfe. Mauern statt Impfstoffe: lässt sich ein böseres Schema für die Zukunft denken?

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Heute in einem Jahr werden wir vielleicht mit Bewunderung auf Chinas Erfolg bei der Eindämmung der Pandemie und mit Schrecken auf das Versagen der USA zurückblicken. (Ich nehme hier einfach mal an, dass Chinas Behauptung über schnell zurückgehende Ansteckungen mehr oder weniger zutreffend ist.) Dass unsere Institutionen nicht in der Lage waren, die Büchse der Pandora geschlossen zu halten, kann natürlich nicht gerade überraschen. Seit dem Jahr 2000 ist die medizinische Erstversorgung schon mehrmals zusammengebrochen.

Unter der Grippewelle 2018 z.B. brachen in den ganzen USA die Krankenhäuser zusammen. Damals wurde der schockierende Mangel an Krankenhäusern nach 20 Jahren profitgetriebener Kürzungen bei den stationären Aufnahmekapazitäten deutlich (die Just-in-time-Lagerhaltung im Gesundheitswesen). Die ebenfalls von der Marktlogik getriebenen Schließungen von Privat- und Stiftungskrankenhäusern und der Pflegekräftemangel hatten verheerende Auswirkungen auf das Gesundheitswesen in ärmeren und ländlichen Gegenden. Die Last wurde auf unterfinanzierte öffentliche Krankenhäuser und Versorgungseinrichtungen für Armeeveteranen abgewälzt. Die Notaufnahmen dieser Einrichtungen sind jetzt schon überfordert mit saisonalen Infektionen. Wie sollen sie mit der bevorstehenden Überlastung durch lebensbedrohliche Fälle fertig werden?

Wie befinden uns in der Frühphase eines medizinischen Wirbelsturms Katrina. Trotz jahrelanger Warnungen über die Vogelgrippe und andere Pandemien gibt es nicht genügend medizinische Basisausrüstung wie Beatmungsgeräte, um mit der erwarteten Flut von lebensbedrohlichen Fällen fertig zu werden. Die kämpferischen Pflegegewerkschaften in Kalifornien und anderen Staaten machen uns sehr deutlich klar, welche Gefahr das Fehlen von grundlegenden Schutzvorrichtungen wie N95-Gesichtsmasken bedeutet. Noch stärker gefährdet, weil unsichtbar, sind die Hunderttausenden von unterbezahlten und überarbeiteten ArbeiterInnen in der ambulanten Pflege und den Pflegeheimen.

Die Altenpflegebranche, die in den USA 2,5 Millionen alte Menschen verwahrt – die meisten davon Leistungsempfänger von Medicare –, ist schon lange ein nationaler Skandal. Laut New York Times sterben jedes Jahr 380 000 Heiminsassen, weil die Heime einfache Infektionen nicht richtig behandeln. Viele Heime – besonders in den Südstaaten – halten es für billiger, Strafen für Versäumnisse in der Pflege zu zahlen, als zusätzliches Personal einzustellen und ausreichend zu schulen. Seattle, wo Pflegeheime Zentren des Ausbruches sind, zeigt, dass Dutzende oder vielleicht Hunderte von Pflegeheimen Corona-Virus-Hotspots werden könnten, deren für einen Mindestlohn schuftende Beschäftigte die rationale Entscheidung fällen werden, zu Hause zu bleiben, um ihre eigenen Familien zu schützen. In diesem Fall könnte das System zusammenbrechen, und wir sollten nicht erwarten, dass die Nationalgarde die Bettpfannen leert.

Die Epidemie hat sofort die krasse Klassenspaltung im Gesundheitswesen offengelegt: Diejenigen mit einer guten Krankenversicherung, die auch von zu Hause arbeiten oder lehren können, sind bequem isoliert, so lange sie die Vorsichtsmaßnahmen befolgen. Beschäftigte im öffentlichen Dienst oder andere Gruppen von gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen mit anständiger Krankenversicherung werden vor schwierige Entscheidungen zwischen Lohn und Schutz gestellt werden. Gleichzeitig werden Millionen von ArbeiterInnen in Niedriglohn-Dienstleistungen und Landwirtschaft, KontingentarbeiterInnen ohne Krankenversicherung, Arbeitslose und Obdachlose den Wölfen vorgeworfen. Selbst wenn Washington doch noch das Testfiasko in den Griff bekommt und genügend Testsets zur Verfügung stellt, werden die nicht Versicherten immer noch für die Tests bezahlen müssen. Die Arztrechnungen werden steigen, und gleichzeitig verlieren Millionen von ArbeiterInnen ihren Job und ihre daran gebundene Krankenversicherung. Kann es ein stärkeres, dringenderes Argument für Medicare für Alle geben?

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Aber eine allgemeine Krankenversicherung wäre nur ein erster Schritt. Es ist gelinde gesagt enttäuschend, dass weder Sanders noch Warren in den Vorwahl-Debatten die Tatsache thematisiert haben, dass die großen Pharmaunternehmen die Erforschung und Entwicklung von neuen Antibiotika und Virostatika an den Nagel gehängt haben. Von den 18 größten Pharmafirmen haben 15 diesen Bereich völlig aufgegeben. Herzmedikamente, abhängig machende Tranquilizer und Mittel gegen männliche Impotenz bringen den meisten Profit, nicht aber Mittel gegen Krankenhauskeime, neue Krankheiten und traditionelle tödliche Tropenkrankheiten. Ein universeller Grippe-Impfstoff, d.h. ein Impfstoff, der die unveränderlichen Teile der Oberflächenproteine des Virus angreift, ist seit Jahrzehnten möglich, aber verspricht keine Profite.

Mit dem Rollback der Antibiotika-Revolution werden neben neuen Infektionen auch alte Krankheiten wieder auftauchen, und die Krankenhäuser werden sich in Leichenhäuser verwandeln. Selbst Trump kann jetzt opportunistisch über absurde Arzneikosten schimpfen, aber wir brauchen mutigere Vorstellungen, wie die Zerschlagung der Pharmamonopole und die öffentliche Produktion von lebensnotwendigen Medikamenten. (Früher war das der Fall: Während des Zweiten Weltkriegs beauftragte die Armee Jonas Salk und andere Forscher mit der Entwicklung des ersten Grippe-Impfstoffs.) Wie ich vor 15 Jahren in meinem Buch Vogelgrippe geschrieben habe: »Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten einschließlich Impfstoffen, Antibiotika und Virostatika sollte ein Menschenrecht sein, das universell kostenlos verfügbar ist. Wenn die Märkte keinen Anreiz zur billigen Produktion solcher Medikamente bieten, dann sollten Regierungen und Non-Profit-Organisationen die Verantwortung für ihre Herstellung und Verteilung übernehmen. Das Überleben der Ärmsten sollte immer eine höhere Priorität haben als die Profite der Pharmaindustrie.«

Die jetzige Pandemie verlängert das Argument: Anscheinend lässt sich die kapitalistische Globalisierung biologisch nicht durchhalten ohne eine wahrhaft internationale öffentliche Gesundheitsinfrastruktur. Aber solch eine Infrastruktur wird es erst dann geben, wenn Bewegungen von unten die Macht der Pharmaindustrie und des profitorientierten Gesundheitswesens brechen.

Mike Davis, ursprünglich veröffentlicht am 12.03.2020

[*] Original: The Monster at Our Door: The Global Threat of Avian Flu, New York: New Press.
Deutsch: Vogelgrippe. Zur Gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin Hamburg: Schwarze Risse 2005

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