Dr. Guido Arnold nach der rechten Medienhetze
Wegducken ist keine Option- Plädoyer für antifaschistische und feministische Gegenwehr!
Im Januar fand im schweizerischen Basel eine Veranstaltung unter dem Titel „BIG TECH GOES MAGA - Eine faschistoide Allianz“ statt. Der Referent Dr. Guido Arnold sprach unter anderem darüber, wie durch künstliche Intelligenz und algorithmisch verstärkte Polarisierung ,Hass, Hetze und Fake nicht nur immer mehr um sich greifen, sondern viel, viel mehr zerstören als ‚nur‘ eine gemeinsame Debattenkultur.
Im Anschluss an die Veranstaltung gab es eine massive Kampagne in rechten Portalen gegen den Referenten Guido Arnold, die so weit ging, dass NIUS, das einflussreiche rechte Medium des ehemaligen BILD-Chefredakteur Reichelt, mit einer Kamera vor Arnolds Wohnung auftauchte sowie Bewohnende die das Haus betraten, filmte, bzw. auch namentlich benannte. Arnold wurde vorgeworfen zu Anschlägen aufgerufen zu haben.
Seitens der rechtsextremen AfD wurde im Bundestag in einer Pressemitteilung gefordert, es müsse Schluss sein „mit staatlicher Förderung von Extremisten an Hochschulen“, denn Arnold ist als Dozent tätig.
Radio Dreyeckland sprach mit Dr. Guido Arnold über dessen Vortrag in Basel sowie die Folgen. Aber auch über die Gefahren die von Big Tech ausgehen und was es braucht, um alledem etwas wirkungsvolles entgegen zu setzen.
Vom 10.-12. April 2026 findet genau zu diesem Themenkomplex eine Bewegungskonferenz in Berlin, unter dem Titel „Cabels of resistance“, statt.
Hier gehts zu dem Interview mit Dr. Arnold.
eine linke Kampagne gegen rechte Hetze im Netz und gegen das rechte Hetzportal "NIUS" in Berlin Kreuzberg
das vollständige Interview mit Dr. Arnold, mit schriftlichen Antworten auf die Fragen von RDL:
Du bist theoretischer Physiker und Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. Dort geht es viel um Diskurse und Macht. Was heißt das konkret: Wie kann Sprache im Alltag dazu beitragen, dass bestimmte Gruppen benachteiligt oder ausgegrenzt werden?
Wer hat die Deutungshoheit über Begriffe? Und wie speist sich die Bedeutung von Begrifflichkeiten aus dem gesamten Bündel der parallel laufenden und unterschiedlich verknüpften politischen Debatten?
Nehmen wir die derzeit machtvoll geführte Debatte um die Legitimität des Antifaschismus, bzw. ‚der Antifa‘. Gehen wir kurz zurück in den sogenannten
Antifa-Sommer 2000. Zwei Wochen nach dem rassistischen und antisemitischen Rohrbomben-Anschlag in Düsseldorf findet das „antirassistische Grenzcamp“ in Forst (Brandenburg) statt. Die kollektiv gefühlte Notwendigkeit eines deutlichen, antifaschistisch-antirassistischen Signals (damals noch unweigerlich zusammen gedacht) führt zu einer bemerkenswert offensiven Aktion gegen den als ‚Menschenjäger‘ identifizierten Bundesgrenzschutz (BGS): Am helllichten Tag fährt ein Autokonvoi von Aktivist:innen zur BGS-Kaserne und nimmt diese außer Betrieb, um „ die Hetzjagd gegen Geflüchtete für ein paar Tage zu unterbinden“. Die Zufahrtsstraße zur Kaserne wird aufgehackt, und untegraben. Daneben verunmöglicht eine über zwei Meter hohe Barrikade aus Baumstämmen und Aushub jeglichen Verkehr der Einsatzfahrzeuge. Das Internet in der Kaserne fällt aus. Der Konvoi von Aktivist:innen fährt danach ungehindert wieder zurück zum Camp.
Noch bemerkenswerter ist: Der zu erwartende Überfall der Polizei auf das nur wenige Kilometer entfernte Camp während der nächsten Tage blieb aus! Eine Entscheidung des Landesinnenministeriums weist die Polizei an, nicht tätig zu werden. Diese Entscheidung war das Ergebnis einer politischen Abwägungen über die diskursiv geprägte gesellschaftliche Stimmung zur Legitimität antifaschistischen Handelns und die Frage wie verhält sich der Staat zu faschistischer Gewalt.
Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejerano wiederholte mehrfach: „Wer gegen Nazis kämpft kann sich auf den Staat nicht verlassen“. Und wer das Glück hatte, mit Esther live zu sprechen, weiß, dass das Zitat an dieser Stelle nicht endete…
Wenn ich diese Erkenntnis heute in der gleichen Selbstverständlichkeit hier im Interview propagiere, wollen mir die heutigen Weimers mit ihrem Kulturkampf im Hetzjagdmodus die Kultur-/ Wissenschaftsförderung entziehen. Trump stuft „die Antifa“ als Terrororganisation ein, der Roten Hilfe werden dadurch (wegen Unterstützung eben „dieser Antifa“) die Konten entzogen, Buchläden erhalten keine kulturpolitischen Förderpreis, weil der Verfassungsschutz sie als linksextremistisch einstuft. Antifaschismus wird in diesem breit angelegten Kulturkampf von rechts komplett diskreditiert.
Das ist politisch gewichtiges Streiten um die Bedeutung von Begriffen im Kontext gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
Physik untersucht naturgesetzliche aber damit auch beobachterunabhängige Prozesse. Im Dusiburger Institut analysiert Ihr hingegen sozial konstruierte Wahrheit. Dort sind Bedeutung, Kontext und Perspektive zentral. Wie bist Du als theoretischer Physiker zu dieser Auseinandersetzung mit Sprache gekommen?
Also die Beobachterunabhängigkeit hat uns die klassische Mechanik als Wahrheit verkauft, entspricht aber mit dem Verständnis der Quantenmechanik nicht mehr der Wirklichkeit. Wir sehen also Wahrheit ist konstruiert und versucht allenfalls der Wirklichkeit nahe zu kommen. Unser Job ist es, die machtvollen Konstruktionen von Wahrheit zu dekonstruieren, also herrschafts- und wissenschaftskritisch herauszuarbeiten, wer welches Motiv hat, eine bestimmte Erzählung als Wahrheit zu verkaufen. Und dabei gibt es echte Probleme, denn viele nutzen die Kompliziertheit sozial konstruierter Wahrheiten für den Kurzschluss – dann gibt es halt keine Wahrheit, sondern „Alles sind gleichwertige Meinungsäußerungen, abhängig von Standpunkt und Blickwinkel der Betrachter:in.“
Dieser Perspektivismus, also das gleichwertige Nebeneinander von irgendwelchen Erzählungen, befördert leider die von den Rechten angestrebte Zersetzung öffentlicher Debatte. Steve Bannon hatte als ultrarechter Berater von Trump in dessen erster Amtszeit den klassischen Medien mit genau dieser Taktik den Kampf angesagt. Das „mediale Feld mit Scheiße fluten“ also soviel Bullshit zu produzieren (Erzählungen, bei denen egal ist, ob sie wahr oder unwahr sind), dass niemand mehr in der Lage ist, wahr von unwahr zu unterscheiden. Dieses bullshitting ist in der politischen Debatte wirkmächtiger als die klassische Lüge, die ja zumindest die Unterscheidbarkeit von wahr und unwahr respektiert um sich selbst zur neuen ‚Wahrheit‘ zu erklären.
Wenn aus Ermüdung einer solchen Bullshit-Flut im Internet niemand mehr den Anspruch hat, Wahrheiten von Fake zu unterscheiden, dann erzeugt das maximale Verunsicherung und soziale Fragmentierung – jede glaubt an etwas anderes, hat also ihre eigene Wahrheit, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben muss. Eine gemeinsame Diskussion darüber, z.B. wie wir dem Klimawandel begegnen, wird unmöglich. Die „Klimaleugner:innen“ haben leichtes Spiel.
Und jetzt kommen die neuen KI-Technolgien ins Spiel. Die Sprachmodelle à la ChatGPT sind waschechte Bullshitgeneratoren, da sie keine Idee von wahr oder falsch haben – sie würfeln Worte statistisch nach Häufigkeiten in den Trainigsdaten und ohne zu verstehen. Sie produzieren unausweichlich Bullshit. Da diese Sprachmodelle mittlerweile die Rolle der klassischen, wissensbasierten Internetsuche einnehmen, erleben wir eine wachsende Produktion von Bullshit, der in die ‚sozialen‘ Medien gespült und dort sogar rechtslastig verstärkt wird und wieder als Trainingsdaten für die nächste Generation der Sprachmodelle genutzt wird.
Die Wahrheitsproduktion wird beliebig und entfernt sich zunehmend von der Wirklichkeit. Gesellschaftlicher Zusammenhalt über geteilte Ideen und Werte zerbröselt. Politische Öffentlichkeit geht in diesem Perspektivismus kaputt. Die Verunsicherung befördert den Einfluss rechter Diskurse.
Daher kommen wir nicht umhin, weiter diskursiv um Wahrheit zu kämpfen, das Bullshitting und damit KI-Sprachmodelle zu bekämpfen.
Anlass unseres Gesprächs sind die massiven medialen Angriffe aus dem rechten politischen Spektrum, nachdem Du hast Anfang Januar in Basel einen Vortrag gehalten hast. Was war der zentrale Inhalt deines Vortrags?
Die autoritären bis faschistoiden politischen Ambitionen der Big Tech Industrie seit der zweiten Amtszeit von Trump.
NIUS tut so als hätte sich hier auf einem konspirativen Treffen eine verschwörerische Gemeinde von Militanten getroffen, die Anschläge plant. Das ist natürlich ganz schön verrückt, denn das war eine offene Veranstaltung.
Da kann man natürlich behaupten, da wurde offen zur Sabotage aufgerufen. Und das ist auch richtig, aber ich rufe in Basel und anderswo zur Sabotage von faschistoiden Zukunftsideologien auf, die aus einer gefährlichen Allianz von BigTech und MAGA-Bewegung resultieren. Damit muss nicht das in Flammen stehende Rechenzentrum gemeint sein, sondern genauso gut eine gesellschaftlich breite Bewegung, die den Tech-Konzernen die Datengefolgschaft verweigert und die transhumanen Gesellschaftsentwürfe politisch angreift – also als technokratisch totalitär entlarvt und ins Abseits stellt. Genau das ist übrigens der Ansatz, der vom 10.-12. April in Berlin stattfindenden Bewegungskonferenz „Cables of Resistance“.
Nochmal (zur unzulässigen Vereindeutigung begrifflicher Unschärfe): Wenn mir auf dem Elternabend eine Lehrerin erzählt, mein Sohn sabotiere den Unterricht, dann meint sie in aller Regel nicht den Brandsatz unter dem Lehrer:innen-Pult.
Hier auf einen etwaigen Aufruf zur Sabotage abzuzielen, ist eine machtvolle Engführung von Sprachgebrauch in binären Diskursen zum Zwecke der Diskreditierung.
Lass und noch ein bisschen bei Deinem Vortrag bleiben: wie hängen Männlichkeit, Antifeminismus und rechte Strömungen Deiner Ansicht nach zusammen?
In den USA wirkt ein massiver Antifeminismus quasi als Bindemittel einer wirklich total heterogenen (fast schon widersprüchlichen) ultrarechten MAGA-Bewegung. Da sind Elon Musk, führende Neonazis und sogenannte tradwives (Frauen, die dem stereotypen Rollenbild der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts nacheifern) zusammen vereint in einem wirkmächtigen Teil von MAGA, der Pronatalismus-Bewegung. Das ist so etwas wie die Lebensschützer:innen in Deutschland nur um Größenordnungen bedeutsamer. Sie kämpfen für die Erhöhung der westlichen Geburtenrate. Wie geht das zusammen? Elon Musk arbeitet an künstlichen Gebärmüttern, um mit massiv paralleler Invitro-Fertilisation gewünschte genetische Eigenschaften einiger Menschen zu ermöglichen. Das ist der feuchte Traum eines jeden Technokraten (männliche Form): gezielte Reproduktion ohne die lästige Notwendigkeit der Frau. Das ist nichts, was eine tradwive politisch wollen könnte. Und mit Waffengewalt-bereiten Neonazis möchte sie auch nicht in einen Topf gerührt werden.
Aber die Bewegung hält (noch). Der patriarchale Entwurf einer dominanten Männlichkeit, die Queerfeindlichkeit und der Antifeminismus als Bewegungskitt bewahren sie vor dem Auseinanderdriften. Hier kann (queer-)feministische und antifaschistische Arbeit wirksam ansetzen.
In welchem Verhältnis stehen die gesellschaftliche Krisenlage und rechte Narrative?
Die aktuelle Multikrise (Kriege, ökonomische Krise, sich zuspitzende ökologische Krise, unaufgearbeitete Pandemie) führt zu einer gesellschaftlichen Stagnation, in der die Verunsicherung zunimmt. Solch eine Krisenverunsicherung verändert tatsächlich das soziale Verhalten. Insbesondere nimmt der Selbsteinschluss zu. Mensch stellt seine Ideen und Meinungen nicht mehr selbstbewusst einer breiten Öffentlichkeit vor, sondern bevorzugt die Debatte widerspruchsarm in sogenannten Echokammern unter vermeintlich Gleichgesinnten in zunehmend geschlossenen Diskssionsräumen. Diese Tendenz lässt sich am ‚social‘ media Verhalten signifikant nachweisen. Eine derartige Fragmentierung von Debattenräumen begünstigt die zu Anfang bereits diskutierte Zersetzung von Wahrheit. Denn ein beliebig absurd herbeigeführter Konsens in der Meinungseinfalt einer selektiv-homogenen Echokammer ist noch lange keine Wahrheit. Die in der Regel vereinfachenden rechten Verschwörungserzählungen und Zukunftsvisionen haben leichtes Spiel.
Das Erstarken ziemlich verrückter rechter Zukunftserzählungen rund um den Transhumanismus erinnert an den italienischen Futurismus vor 100 Jahren. Ein verklärender Rückgriff auf Vergangenes bei gleichzeitiger Überhöhung der Großartigkeit einer technologisch kompromisslosen Vision des Zukünftigen – eine avantgardistische Kunstbewegung prägte eine gesellschaftliche Strömung des beginnenden 20.Jahrhunderts. Der italienische Schriftsteller Filippo Marinetti feierte und forderte in seinem futuristischen Manifest 1909 die Gewaltförmigkeit des Rechts des Stärkeren, das Patriarchat und den ungebremsten technologischen Fortschritt. Demokratische Konventionen galt es zu brechen, wenn sie dem Diktat des Fortschritts im Wege standen. Mussolinis Faschismus profitierte von diesem sozialdarwinistischen Aufbruch der Gesellschaft und dem dadurch möglichen Schub für die Technokratie. Diesen Geist des Futurismus atmet ein Bündel von derzeit wirkmächtigen ‚Ideologien‘ der Tech-Branche rund um die Entwicklung einer vermeintlichen Superintelligenz.
Im Rahmen deiner Arbeit interpretieren Du und andere Akteur:innen dabei die großen Technologiekonzerne nicht primär als neutrale Wirtschaftsunternehmen, sondern Ihr verortet in diesen eine zentrale strukturelle Ursache ökologischer, sozialer und politischer Krisen. Ist hier eine Reform überhaupt möglich, sind die Big-Tech-Konzerne überhaupt refomierbar, oder bedarf es weiterführender Strategien?
Das capulcu-Kollektiv verwendet dazu das Analysekonzept des technologischen Angriffs: Technologie ist nicht neutral, war es nie und wird es auch nie sein.
Der reine Werkzeugcharakter erzählt zu wenig über die Machtverhältnisse und die techno-sozialen Implikationen von Technologie. Ein Beispiel: Das sozialistische AKW bleibt scheiße und ist nicht auf einmal gut, nur weil es nicht mehr kapitalistisch betrieben wird.
Wir nehmen insbesondere die Konsequenzen von technologischer Entwicklung auf das Soziale in den Blick. Nehmen wir das Beispiel KI: Künstliche Intelligenz verstärkt programmatisch gesellschaftliche Ungleichheit. Die in Trainingsdaten angelegten gesellschaftlichen Muster werden nicht nur reproduziert sondern amplifiziert – also verstärkt und das ist kein Fehler in der Umsetzung, sondern das Funktionsprinzip von KI.
KI-Rechenzentren hinterlassen zudem eine breite Spur der Verwüstung: Sie verschwenden Energie und Wasser, betreiben neokolonialen Raubbau seltener Erden und Metalle und entsorgen ihren giftigen Elektroschrott außerhalb der kapitalistischen Zentren.
Beides werten wir als einen technologischer Angriff auf unsere ökologischen, materiellen und sozialen Lebensgrundlagen, den es im Detail zu verstehen gilt, um ihn wirkungsvoll zu sabotieren können. Da ist sie schon wieder, die Sabotage und meint hier die gesellschaftliche Zersetzungswirkung des technologischen Angriffs zu unterlaufen.
Ich zitier hier mal aus dem lesenswerten Manifest der Anti-BigTech-Bewegungs-Konferenz 10.-12. April in Berlin:
„Wir wollen Big-Tech verweigern, hacken, herunterfahren, zerschlagen, vergesellschaften und umbauen. Manche digitale Technologien müssen wir dabei tatsächlich abschaffen – sie stehen in einem unlösbaren Widerspruch zu dem, was es aufzubauen gilt: eine radikaldemokratische, sozial- und klimagerechte Gesellschaft.“
Aber zurück nach Basel, zu Deinem Vortrag. Im Anschluss an diesen wurde seitens verschiedener Medien behauptet, du hättest zu Gewalt aufgerufen oder angeblich linksextreme Positionen verteidigt. Wenig überraschend brachte sich auch die AfD im Bundestag in die Kampagne ein.
Sich selbst zu beobachten ist gar nicht so einfach, manche würden sagen: es ist unmöglich. Trotzdem, lass es uns versuchen, gerade weil Du dich so intensiv mit Sprache und Macht auseinandersetzt. Du untersuchst, wie Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt, und deshalb interessiert mich, wie hast du diese medialen Angriffe auf Deine Person, und Dein Umfeld, wahrgenommen?
Es geht um offene Einschüchterung zusätzlich zur Diskreditierung deiner Person. Nach einem Angriff der NIUS-Presse lassen Morddrohungen nicht lange auf sich warten – ob sie direkt mitorchestriert werden, wissen wir nicht.
Das schließt natürlich nahtlos an den breiten Kulturkampf von Rechts an. Die Personalisierung soll den ansonsten inhaltlich sehr dünnen Bullshit wirksam werden lassen. Die übliche Funktionsweise der ‚Schlammpresse‘ geht wie folgt: Möglichst viel belanglosen ‚Dreck‘ von rechten Influencer:innen hochspülen und für die bürgerliche Presse verwertbar machen.
In meinem Fall gab es als Initialzündung eine Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit der WELT. Diese hat ihre tendenziösen ‚Erkenntnisse‘ an NIUS runtergereicht. Der über den dort aufbereiteten Schlamm konnte mit Unterstützung der AfD genügend politischen Druck aufbauen. Jetzt sah sich sogar der SPIEGEL genötigt, die Erzählung der WELT zu reproduzieren und eine bemerkenswerte Darstellung von Zusammenhängen zu wagen, ohne jegliche Konjunktive. Die politische Haltung der SPIEGEL-Redaktion ist bemerkenswert. Hier lediglich fehlende journalistische Sorgfalt zu bemängeln, unterschätzt das Problem bei weitem.
Wie haben deine Freund:innen und Kolleg:innen reagiert, hast du Solidarität erfahren?
Yes – massive Solidarität und die war sauwichtig!
– Wenn Dir das Antifa-Kneipenkollektiv aus deinem Viertel unter die Arme greift, damit Dein Wohnzusammenhang etwaigen Fascho-Besuch abwehren kann.
– Wenn die anderen Lehrbeauftragten deiner Hochschule zu Deinem Vortrag kommen und dir volle politische Unterstützung (auch bei hartem Gegenwind des Ministeriums) zusichern.
– wenn die eine gute Freundin einen fetten Umschlag rüberschiebt mit den Worten: Du brauchst gute Anwält:innen und dir auch weitergehende konkrete Hilfe anbietet.
– Wenn Dir stabile Antifazusammenhänge von sich aus anbieten, auf den Vorträgen, die ich natürlich weiterhin mache, Schutz gegen etwaige Nazitrottel auch in entlegenen Städten zu machen, dann fühlt sich das nicht nur persönlich gut an, dann fühlst du dich in deiner politischen Arbeit ernst genommen und supportet.
– Wenn Dir eine Freundin, die in deinem Themenfeld eine enrstzunehmende politisch-wissenschaftliche Reputation hat, anbietet, genau jetzt mit dir zusammen zu publizieren, oder gemeinsam aufzutreten, um ein klares Zeichen gegen die Androhung von Isolation zu setzen, dann ist das fett solidarisch und das Gegenteil von Wegducken.
Zur Wahrheit gehört auch, dass es natürlich auch eingeschüchterte und zweifelnde Menschen in meinem Berufsumfeld gab und gibt.
Abschließend: Welche Botschaft möchtest du anderen linken Aktivist*innen und solidarischen Menschen mit auf den Weg geben, die ebenfalls Ziel medialer Angriffskampagnen werden könnten? Was braucht linker Diskurs heute, um sich durch solche Angriffe nicht einschüchtern zu lassen?
Erste Welle informationell aushungern / die Trolle nicht weiter füttern / innehalten und Gegenangriff vorbereiten und damit raus aus der Opferrolle.
Es ist nicht die Zeit des Wegduckens. Wir sind nicht nur honorige Wissenschaftler:innen, wir sind notwendigerweise auch Feminist:innen, Antifas, Technologiekritiker:innen und Hacktivist:innen. Es reicht nicht, das noch nicht Angegriffene zu konsolidieren und zu schützen.
Wir müssen die so agierende Schlammpresse politisch angreifen. Jede einzelne, die angegriffen wird, empfindet das als monströse Attacke und manche sehen sich danach in ihrer Arbeit ruiniert. Vereinzelt darauf zu reagieren bringt gar nichts.
Also kollektiv reagieren: Wer soll das denn sonst machen, wenn nicht wir als organisierte Linke, wir, die wir auf viel Bewegungserfahrung zurückgreifen können? Wir, die wir über unsere politische Arbeit in der Wissenschaft, in den Verlagen durch aus eine Scharnierfunktion in bürgerlichere Kreise haben.
Am 24.4. lädt die Kampagne „NeinzuNius“ zu einer größeren Veranstaltung nach Berlin-Kreuzberg ein. Hier soll sowohl die politische Wirkung der ‚Schlammpresse‘ analysiert werden, als auch der politisch streitbare Zusammenschluss unterschiedlicher ‚Opfer‘ von NIUS ermöglicht werden. Hier ist die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Akteur:innen von Bedeutung, um auch die volle Breite einer aufzubauenden Gegenoffensive zu nutzen.
Eine solche antifaschistische Bewegung kann sich bei der (Selbst-)Organisierung allerdings NICHT auf die Infrastruktur ihrer BigTech-Gegner verlassen. Eine sich selbst engführende und sich ihrer vielfältigen Optionen beraubende Insta-X-TikTok-Antifa macht sich vorhersagbar angreifbar und nimmt ihren eigenen Widerstand nicht ernst. Der 'Debanking-Angriff' (Kündigung sämtlicher Vereinskonten bei der GLS-Bank) gegen politische Solidaritätsstrukturen wie die Rote Hilfe mit Verweis auf eine angebliche Unterstützung der von Trump als Terrororganisation eingestuften 'Antifa-Ost' hat uns in der autoritären / protofaschistischen Realität ankommen lassen. Warum sollten unsere social-media-Konten bei eben jenen ultrarachten Plattformbetreibern im zugespitzten Widerstandsmoment weiterhin nutzbar sein bzw. eine ernstzunehmende Reichweite zugestanden bekommen?
Wir benötigen eine feministische und antifaschistische Gegenoffensive auf der Höhe des technologischen Angriffs.







