Antifaschistischer Protest gegen AfD-Parteitag: Erfurt erlebt einen Tag des Widerstands
5.07.2026 um 16:16 von Perspektive Online
Mit Blockaden, Demonstrationen und kreativen Aktionen protestierten bis zu 50.000 Menschen gegen den AfD-Parteitag in Erfurt. Zwar konnte die Polizei den Parteitag mit einem aufwändigen Einsatz absichern, doch die Stadt stand den ganzen Tag im Zeichen antifaschistischen Widerstands. Gleichzeitig kam es zu zahlreichen Angriffen der Polizei auf Demonstrierende.
Bis zu 50.000 Antifaschist:innen strömten am Samstag in die thüringische Landeshauptstadt Erfurt. Anlass war der 17. Parteitag der AfD, der in der Messehalle im Erfurter Westen stattfand. Rund 17.000 der Demonstrant:innen blockierten laut dem Bündnis Widersetzen unterschiedliche kleinere Zufahrtswege, aber auch die Autobahn und die Bundesstraße nach Erfurt.
Trotz der großen Störungen konnte der Parteitag pünktlich beginnen. Dafür hatte das über Monate ausgearbeitete Polizeikonzept gesorgt. Bereits gegen 4 Uhr morgens eskortierte die Polizei die AfD-Abgeordneten in Bussen zum Messegelände. Vor 5 Uhr befanden bereits 540 der rund 600 Abgeordneten in der Halle.
Von dem gescheiterten Hauptziel, den Parteitag zu verhindern oder zu verzögern, ließen sich die zehntausenden Antifaschist:innen jedoch nicht demotivieren und füllten ab 5 Uhr und den ganzen Tag über die Stadt und das umliegende Gelände der Messe mit antifaschistischem Kampfgeist. Die übernächtigten Abgeordneten mussten währenddessen in den frühen Morgenstunden bei massivem Polizeischutz auf dem Messegelände ausharren, um überhaupt die Chance auf einen pünktlichen Beginn zu haben.
Blockaden und Demonstrationen in der ganzen Stadt
Sechzehn Blockaden, zwölf Kundgebungen, vier Demonstrationen und eine Großkundgebung direkt am Messegelände machten in Erfurt klar, dass faschistische Politik in Deutschland nicht unbeantwortet bleibt. Dabei nutzten die Demonstrierenden unterschiedliche Mittel, um der Polizei und den Nachzügler:innen der AfD ein Durchkommen so schwer wie möglich zu machen.
Bei einer der insgesamt fünf Blockaden auf der A71 bauten Aktivist:innen Bauzäune und Leitbaken auf, um die Straße abzusperren. Eine weitere Blockade wurde von zwei Aktivist:innen ergänzt, die sich von einer Fußgängerbrücke über die Fahrbahn abseilten. In der Innenstadt klebten sich weitere Antifaschist:innen auf den Tram-Gleisen fest, um auch hier ein Durchkommen zu verhindern.
Neben der praktischen Blockade auf der Straße prägten verschiedene Inhalte die Demonstrationen: „Gegen Krieg und Faschismus“ war etwa auf einem Transparent der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) bei einer Blockade zu lesen. Damit macht sie deutlich, dass es nicht nur eine Antwort auf den Aufstieg des Faschismus, sondern im gleichen Zuge auch auf die voranschreitenden Kriegsvorbereitungen brauche.
Klassenkämpferische Inhalte trugen allen voran Kommunist:innen, die ebenfalls mit in den ersten Reihen standen, auf die Straße und in die Proteste: Ein Demonstrationszug, der von einer Blockade in Richtung Hochheim und von dort weiter in die Innenstadt zog, trug z.B. ein Banner des Kommunistischen Aufbaus mit der Aufschrift „AfD zerschlagen, antifaschistisch organisieren, Kommunistische Partei aufbauen“ vor sich her. Auf dem Weg richteten sich die demonstrierenden auch an die Anwohner:innen und riefen Parolen wie „Was es hier in Erfurt braucht – Mieten runter, Löhne rauf“.
Doch nicht nur bei den Blockaden waren diese Inhalte sichtbar. Auch auf den Kundgebungen und Demonstrationszügen in der Innenstadt waren sozialistische Inhalte fester Bestandteil. Auf der Kundgebung auf dem Gothaer Platz sorgte etwa die MLPD den ganzen Tag über für Programm und machte unter anderem auf den Zusammenhang zwischen dem antifaschistischen Kampf und den aktuell stattfinden Arbeitskämpfen gegen den massiven Stellenabbau aufmerksam.
Daneben kam es auch zu kreativen Aktionen: Bei einer Blockade verschönerten palästinasolidarische Aktivist:innen eine Leitplanke mit dem Schriftzug „Free Palestine“. Auch das Parteibüro der AfD in Erfurt überstand die Proteste nicht unbeschadet. Aktivist:innen hatten das Gebäude am Morgen mit dutzenden Farbbeuteln dekoriert. In den Tagen zuvor war schon das Parteibüro angegriffen worden, ebenso wie ein AfD-Parteibüro in Berlin und in Villingen-Schwenningen.
Im Laufe des Tages gab es zudem immer wieder Auseinandersetzungen vor allem mit rechten Streamern und rechten Journalist:innen, die sich unter die Demonstrierenden gemischt hatten. Ein rechter Streamer wurde dabei mit einem Ei abgeworfen. Reporter des rechten Nachrichtenportals Apollo News waren zuvor in Konfrontationen mit Antifaschist:innen geraten: „Faschist:innen mit einem Presseausweis sind immer noch Faschist:innen“, erklärte Noa Sander von Widersetzen dazu am Sonntag in der abschließenden Pressekonferenz.
Polizei provoziert Gewalt
Während die Proteste von breiten Großdemonstrationen bis zu kleinen Spontandemonstrationen reichten, war die Polizei fast überall vor Ort. Über 6.000 Polizist:innen wurden für Samstag bundesweit nach Erfurt beordert, um dort den Demonstrant:innen entgegenzutreten.
Dabei wurden auch Kampfhunde, Pfefferspray und viele Schlagstöcke eingesetzt. Auf der Cyriakstraße, in der Nähe vom Gothaer Platz, kam es mehrfach zu massiver Polizeigewalt. Bereits eine der ersten Blockaden am Morgen wurde durch Schubsen und Treten von der Polizei zusammengedrängt. Am Nachmittag wurde ein Demonstrationszug, der auf dem Weg zur nahegelegenen Kundgebung war, von der Polizei mit Schlagstöcken und Pfefferspray angegriffen. Auch auf bereits am Boden liegende Demonstrierende traten Polizist:innen weiter ein.
An noch vielen weiteren Stellen wurden friedliche Demonstrant:innen von der Polizei angegriffen. Demonstrationszüge wurden unprovoziert gestürmt, blockierende Antifaschist:innen auf dem Weg mit Schlagstöcken geschlagen oder Protestierende einer Sitzblockade gewaltsam auseinandergezogen.
Während sich deshalb mehrere Aktivist:innen ins Krankenhaus begeben mussten, wurden viele der klar erkennbaren Demosanitäter:innen nicht zu Verletzten vorgelassen. Andere waren in kurzer Zeit mit einer großen Anzahl von Patient:innen konfrontiert, was auf einen ungewöhnlich breiten Einsatz von Pfefferspray und Reizgas zurückzuführen ist.
Solidarität kam dabei von vielen Stellen. Neben Helfer:innen, die mit Essen und Trinken im ganzen Stadtgebiet unterwegs waren und es auch in den Blockadefingern verteilten, solidarisierten sich auch die Menschen auf den angemeldeten Kundgebungen mit den Blockaden. Ein Sprecher der FKO betonte im Nachhinein: „Wir lassen uns nicht in gute oder böse Antifaschist:innen spalten. Notwendig ist eine Bewegung, die alle Kampfformen gegen den Faschismus entwickelt, denn alle sind legitim.“






