Angriff auf Aleppo: Al-Sharaa will kurdische Autonomie brechen
9.01.2026 um 13:30 von Perspektive Online
Auf Anweisung der syrischen Regierung hin attackierte die Armee tagelang kurdische Stadtteile in Aleppo. Der Angriff gilt der SDF. Diese einigte sich mit Al-Sharaa auf eine begrenzte Waffenruhe und einen Korridor zum Abzug kurdischer Einheiten.
Aleppo – eine Stadt, die unter der autonomen demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens steht. Und eine der ältesten Städte der Welt, die im syrischen Bürgerkrieg, speziell durch den IS, in weiten Teilen zerstört wurde. Seit April 2025 steht sie unter der Kontrolle der neuen syrischen Regierung. Nun wurde sie erneut zum Schauplatz des territorialen Machtkampfes in Syrien.
Für die syrische Regierung geht es um die Vereinheitlichung des zersplitterten Territoriums, für die kurdisch-dominierten Syrian Defense Forces (SDF) um den Erhalt der Rojava-Revolution. Der Angriff am 7. Januar war nicht der erste Ausdruck dieses Machtkampfes, in dem auch andere Akteure wie die Türkei, die USA und Russland eine Rolle spielen.
Hintergrund ist der Streit über eine geplante Eingliederung der kurdischen Institutionen und auch der kurdischen Kämpfer in die staatliche Ordnung. Ein Abkommen vom März 2025 dazu wurde bisher nicht umgesetzt. Die SDF verließ im April 2025 Aleppo, ließ aber Sicherheitskräfte, die Asayî, als Absicherung zurück.
Die Zerstörung Aleppos
Die Infrastruktur der kurdischen Stadtteile Şêxmeqsûd, Eşrefiyê und Benî Zêd wurde gezielt, sogar durch eine mit Sprengstoff beladene Drohne, angegriffen. Wohnsiedlungen, religiöse Einrichtungen, Geschäfte, Krankenhäuser und Wasser- und Stromnetze wurden zerstört. „Die kurdische Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur in Aleppo stehen erneut unter Belagerung. Die Angriffe auf Şêxmeqsûd, Eşrefiyê und Benî Zêd richten sich fast ausschließlich gegen Zivilist:innen, darunter viele Kinder, und werden mit schweren Waffen sowie Drohnen durchgeführt“, erklärt der Kurdistan Nationalkongress (KNK).
Den autonomen Streitkräften der SDF vor Ort, den (Asayî), wird vorgeworfen syrische Soldat:innen angegriffen zu haben. Die aktuellen Zahlen (Stand 8. Januar) belaufen sich auf elf Todesopfer und 62 Verletzte. Die Angriffe trieben fast 50.000 Kurd:innen in die Flucht. Syrische Behörden fordern die sofortige Umsiedlung der Zivilist:innen. Die islamisch-fundamentalistische HTS (Hayʾat Tahrir al-Sham) als Nachfolger eines syrischen Ablegers der al-Quaida steht für „Komitee zur Befreiung der Levante“ und hat Aleppo bereits in der Vergangenheit angegriffen.
Die Parallelen zu den Überfällen der neuen syrischen Regierung sowohl auf die Alawit:innen als auch auf die Drus:innen in Suweida bestehen darin, dass Al-Sharaa das Land unter seiner Herrschaft vereinen will. Dafür nutzt er die Vorurteile gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten. Im Fall von Aleppo hat es das syrische Regime allerdings mit einer gut strukturierten SDF zu tun. Zudem scheint das Regime, anders als bei dem Massaker gegenüber den Alawit:innen, auf unangenehme Berichterstattung verzichten zu wollen. Daher seien diesmal keine Mobs oder Clans mobilisiert worden.
Auch der Schutzkorridor zum Abzug kurdischer Kräfte sowie die zeitlich begrenzte Waffenruhe passen ins Bild. Was bleibt, ist die Gewalt gegen Minderheiten zur Ausweitung der Zentralmacht Al-Sharaas – notfalls über Leichen.
Imperialistische Partnerschaften
Die Milizen pflegen auch nach dem Sturz der alten Regierung Zusammenarbeit mit der Türkei. Diese gibt offen kund, dass sie Syrien bei der Bekämpfung kurdischer Einsatzkräfte unterstützen wird. Anlässlich des Besuches Hakan Fidans (Außenminister der AKP) wurde Aleppo bereits Ende letzten Jahres angegriffen.
„Die Regierung al-Sharaa muss aufhören, als Stellvertreter regionaler Mächte wie der Türkei zu agieren“, heißt es in dem Statement des KNK. Auch wenn sich das neue Syrien gewissermaßen bürgerlich-demokratischen Schein durch internationale Verhandlungen ergattern will, wird doch eine rückschrittliche Politik verfolgt, die sich kaum vom „alten Syrien“ abgrenzt. Religiöse sowie ethnische Minderheiten sowie LGBTI+ werden immer noch verfolgt.
Die SDF wiederum unterhielt bis zum Sturz des Assad-Regimes exklusive Beziehungen zu den USA. Diesen nutze die SDF als Alliierte zunächst gegen den Islamischen Staat und bis zuletzt, um etwas gegen die russisch-alliierte Assad-Regierung in der Hand zu haben. Mit Al-Sharaa, der von den USA und den europäischen Staaten hofiert wird, brauchen die USA die SDF nicht mehr um jeden Preis. Dennoch hat sie zur Beruhigung der Situation gemahnt. Die USA scheinen kein Interesse daran zu haben, dass sich ihre Alliierten in Syrien gegeneinander schwächen. Davon könnten Dritte – wie Russland – profitieren.
Zudem soll das Land stabil bleiben. Zum einen, damit die USA ihren Fokus auf andere imperialistische Projekte wie Venezuela, Grönland, Kuba oder Nicaragua legen können. Zum anderen, damit das Kapital sicher in das Land gebracht und angelegt werden kann.
Eingliederung heißt Unterwerfung: Der Kampf geht weiter
Anlass dafür stellen die kurdischen Verteidigungskräfte vor Ort da. Diese haben das Gebiet im syrischen Bürgerkrieg mit ihrem Leben gegen den IS und Regierungstruppen verteidigt. Die SDF weigert sich weiterhin, Teil der syrischen Streitkräfte zu werden und sich ihnen unterzuordnen.
Letztlich würde es sich bei dieser Integration um kaum etwas anderes drehen, als die völlige Auflösung der syrischen demokratischen Kräfte. Diese wiederum fordern, als autonomer Block innerhalb der Armee agieren zu dürfen. Das ist Al-Sharaa, ein Dorn im Auge, unterminiert es für ihn doch die nationale und institutionelle Einheit seiner Herrschaft über Syrien.
„Die Einbeziehung der Kurden in den syrischen Übergangsprozess sei auch im besten Interesse der Türkei.“ Damit brachte die damalige Außenministerin Annalena Baerbock deutsche Interessen auf den Punkt. Dabei geht es um die Rückführung von Syrier:innen um jeden Preis – ein Interesse, das Deutschland mit der Türkei verbindet. Und auch Kapitalinteressen hinsichtlich des hilfsbedürftigen Landes dürften beiderseits eine Rolle spielen.
Mit Öcalans Appell zur Entwaffnung der PKK (kurdische Arbeiterpartei) entstand ein Bruch im vereinten Widerstand, dennoch bestehen die Teile der kurdischen Befreiungsbewegung außerhalb der Türkei darauf, den Kampf zur Befreiung des kurdischen Volkes, wenn nicht aller Völker Westasiens, weiterzuführen. Das dürfte sich auch mit einem begrenzten Waffenstillstand nicht ändern. Die Hauptkräfte der SDF, schätzungsweise 50.000 Kämpfer:innen, stehen außerhalb Aleppos nach wie vor bereit.
In verschiedenen Städten in Frankreich, Griechenland, Deutschland, Österreich und Kurdistan sind Menschen in Solidarität und Protest auf die Straßen gegangen. Auch für die kommenden Tage sind vielerorts Versammlungen angekündigt.






