Die Demokratie überwinden, bevor sie sich selbst abschafft – zum Schlimmeren!
von Projektwerkstatt Saasen:
Ein schonungsloser Blick auf die aktuellen Entwicklungen
Dieser Text ist die Zusammenfassung der Einleitungskapitel des aktuellen Buches „Die Demokratie überwinden, bevor sie sich selbst abschafft – zum Schlimmeren!“ von Jörg Bergstedt.
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Kunst trifft Demokratie: „Ohne Volksabstimmung ist alles Banane“, Berlin, 3. Februar 2018. Foto: Jan Hagelstein für Mehr Demokratie (CC-BY-SA 2.0 cropped)
Wie steht es um die Demokratie auf der Welt? KI-Googeln sagt: „Der Zustand der Demokratie weltweit ist uneinheitlich und zeigt sowohl positive als auch negative Entwicklungen. Während einige Länder Fortschritte in Richtung Demokratie machen, erleben andere einen Rückgang oder sogar einen Zusammenbruch demokratischer Institutionen. Viele Demokratien stehen unter Druck und es gibt eine zunehmende Skepsis gegenüber politischen Systemen und Institutionen.“ Sodann folgen zwei positive und viele negative Trends, was zeigt, dass die zitierte Antwort die tatsächliche Lage eher beschönigt. Dabei hat die Antwort das bedrückendste noch verschwiegen: Demokratien waren in der Geschichte fast immer nur Übergangs- oder Zwischenphase. Sie entsprangen, von Eroberungsfolgen wie dem Niederringen des Nationalsozialismus und anderen Ausnahmen einmal abgesehen, dem Aufbegehren gegenüber autoritären Systemen, verdrängten Feudalherrschaft, Diktaturen oder Kolonialmächte. Doch einer – zumindest gefühlten – Hochphase folgten fast immer Enttäuschung und schliesslich das Rollback, sei es durch Putsch oder inneren Zerfall, noch häufiger aber auf ganz demokratische Art, nämlich über Wahlen. Genau das geschieht aktuell wieder, und zwar auf breiter Front: Rechtsgerichtete Regierungen in vielen Ländern Europas, neoliberale Herrschaft der Reichenclans auf dem amerikanischen Kontinent, stalinistische oder religiös-fundamentalistische Regimes in Arabien und Asien. Das ist keine Überraschung, sondern die Fortsetzung des Üblichen. Daher wird es auch so weitergehen, jedenfalls wenn die Reaktionen auf den Niedergang so bleiben, wie sie sind. Der Umgang mit den Krisen der Demokratie leidet nämlich vom linken bis zum rechten Rand des politischen Spektrums, ganz besonders aber in der Mitte der Gesellschaft, an dem gleichen Fehler: Es lässt die Demokratie selbst als Ursache ihres Scheiterns aussen vor.
Demokratien erzeugen ihren Niedergang selbst
Tatsächlich liegen wesentliche Gründe dafür, dass Demokratien im Laufe der Zeit ins Autoritäre driften und schliesslich in höchstens noch demokratisch angestrichenen Autokratien enden, in den inneren Logiken dessen, was in der deutschen Sprache als „Volksherrschaft“ übersetzt wird – ein Begriff, bei dem bereits alle Warnsignale aufleuchten müssten. Er beschreibt das demokratische System auf Staatenebene aber durchaus korrekt und zeigt auf, wo die Probleme liegen: Demokratie ist Herrschaft, und zwar eines gedanklichen Konstruktes, welches die Eigenarten und Vielfalt der Menschen zu einem Brei vereint, den Rousseau als „Gemeinwille“ bezeichnete, der aber nichts anderes ist als die „herrschende Meinung“, die nahe dran liegt an der Meinung der Herrschenden, da diese über privilegierte Möglichkeiten verfügen, öffentliche Diskurse zu beeinflussen. Die durchsetzungsstärksten Positionen im Kampf um die öffentliche Meinung, mit leichten Nuancen ähnlich den Begriffen Mainstream, Diskurs oder Gemeinwille, sind diejenigen, welche emotional ansprechen, Ängste produzieren und darauf aufbauende Versprechungen machen. Das fördert Populismus, stärkt die Gut-Böse- sowie Freund-Feind-Einteilungen der Welt und bevorteilt Personen, die grosse Massen verführen können. Das Ergebnis ist das, was wir heute erleben – und so schon oft geschah, ohne dass daraus passenden Lehren gezogen wurden. Im Gegenteil: Die Demokratie selbst wird nach wie vor von aller Kritik freigestellt, womit das Freund-Feind-Schema des Populismus seine eigene Kritik bestimmt. Demokratie bildet das Gute, also müssen die unerwünschten Entwicklungen von aussen kommen. Irgendwo, wo das Böse steckt.
Genau das macht die Lage so hoffnungslos. Denn eigentlich könnte eine klare Analyse auch Hoffnung machen und den Fortschritt vorantreiben. Die Zeit der Demokratie ist zwar abgelaufen, aber: „Offen ist, in welche Richtung sie sich verabschiedet. Kämpfen wir darum, dass Emanzipation, Gleichberechtigung und der Abbau von Zerstörung, Ausbeutung und Hierarchien den Weg bestimmen. Stehenbleiben, das Festhalten am Status Quo, ist keine Option. Mit einer Perspektive des „Vorwärts statt rückwärts“ können wir den rechten Populistis eine Perspektive entgegensetzen, die all diejenigen wieder mitnimmt, die mit der aktuellen Lage unzufrieden sind, sich aber in einer erschreckend hilflosen Weise trotzdem an den Jetzt-Zustand klammern. Zudem bieten wir der wachsenden Menge, die – sich ebenfalls ohnmächtig fühlend – mit der Stimmabgabe für die rechten Populistis oder dem Treten nach Schwächeren ihren Frust oder ihre Ängste zu kompensieren versuchen, endlich eine Alternative, die nicht nur so heisst.“ Dieser Text ist die Zusammenfassung der Einleitungskapitel des aktuellen Buches „Die Demokratie überwinden, bevor sie sich selbst abschafft – zum Schlimmeren!“ von Jörg Bergstedt (SeitenHieb-Verlag, 2025). Das abschliessende Zitat stammt von Seite 11. Im Buch folgen umfangreiche Ausführungen und Belege, warum Demokratien an sich selbst scheitern, warum sie menschlichkeitszerfressenden Wirtschaftssystemen wie dem Kapitalismus und populistischen Strategien eine so gute Plattform bieten und wie eine Perspektive jenseits demokratischer Beschränkungen aussehen könnte. • Gliederung und Infos zum Buch: https://demokratie-ueberwinden.siehe.website
• Erklärung zur is-Sprache: https://is-sprache.siehe.website Die Zeit der Demokratie ist abgelaufen. Sie war und ist gegenüber allen alt-autoritären Regimes eine berechtigte Hoffnung zu einer Entwicklung hin zu mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Nun steht sie dieser im Weg. Offen ist, in welche Richtung sie sich verabschiedet. Kämpfen wir darum, dass Emanzipation, Gleichberechtigung und der Abbau von Zerstörung, Ausbeutung und Hierarchien den Weg bestimmen. Stehenbleiben, das Festhalten am Status Quo, ist keine Option. Mit einer Perspektive des „Vorwärts statt rückwärts“ können wir den rechten Populistis eine Perspektive entgegensetzen, die all diejenigen wieder mitnimmt, die mit der aktuellen Lage unzufrieden sind, sich aber in einer erschreckend hilflosen Weise trotzdem an den Jetzt-Zustand klammern. Zudem bieten wir der wachsenden Menge, die – sich ebenfalls ohnmächtig fühlend – mit der Stimmabgabe für die rechten Populistis oder dem Treten nach Schwächeren ihren Frust oder ihre Ängste zu kompensieren versuchen, endlich eine Alternative, die nicht nur so heisst. Die Glorifizierung der Demokratie versperrt den Blick auf die in der Demokratie selbst liegenden Probleme. Viele Ursachen und damit auch Lösungsmöglichkeiten bleiben verschleiert. Vieles dessen, was an den aktuellen Verhältnissen in demokratischen Ländern kritisiert wird, ist nämlich keine Wirkung undemokratischer Einflüsse von aussen, sondern eine Folge der Demokratie selbst. Wer jedoch die Demokratie als beste Gesellschaftsform glorifiziert und auftretende Probleme stets auf einen Mangel an Demokratie zurückführt, bleibt auf diesem Auge blind. Fraglos gibt es Missstände, die aus nicht-demokratischen Systemen und Denkweisen in die Demokratie hineinwirken. Sie zu entdecken und Lösungen zu finden, ist wichtig, aber eben nur die eine Seite der Medaille. Die andere, nämlich die aus der Demokratie selbst entstehenden Probleme, bleibt dem Fanblock der Demokratie aufgrund der ihm eigenen Betriebsblindheit verborgen. Wenn aber Fehlentwicklungen falsche Ursachen zugeordnet werden, sind Gegenmassnahmen meist nicht wirksam. Insofern ist der geringe Erfolg versuchter Abwehr der aktuellen Auflösungserscheinungen demokratischer Systeme nicht überraschend. Der Weg in eine autoritäre Republik ist mit den aktuellen Mitteln nicht aufhaltbar. Ob die Akteuris, seien es Medien, Firmen, Parteien oder NGOs, wirklich Demokratie wollen, ist für ihre Propaganda unerheblich. Sie müssen zumindest so tun. In einem Land, in dem das Bekenntnis zur Demokratie einer religiösen Handlung ähnelt, kann sich keine Seite leisten, undemokratisch zu wirken. Der Verdacht liegt folglich nahe, dass es zumindest einige, vielleicht aber auch alle, gar nicht ernst meinen und andere Absichten hinter der Fassade des Demokratischen verschleiern. Schon das wäre erschreckend. Noch erschreckender aber ist, dass sich diejenigen, die von einer Zuspitzung der Herrschaft oder gar von einem Regimewechsel zum autoritären Staat träumen, eigentlich gar nicht von der Demokratie distanzieren müssten. Denn die Demokratie ist nicht ihr schöner Schein, sondern eine mal mehr, mal weniger verschleierte Herrschaftsform – versteckt unter anderem hinter einem Begriff von „Volk“, der die Illusion nährt, hier hätten die Menschen das Sagen. Haben sie nicht. Es regiert, wer als Stimme des Volkes wahrgenommen wird und auf diese Weise die eigenen Anschauungen und Ziele zur Geltung bringen kann. Daher ist es kein Widerspruch, dass sich alle zur Demokratie bekennen und trotzdem die Menschen real immer mehr entmachten. Demokratie ist genau das: Die Entmachtung der in ihrem „demos“ zusammengefassten Einzelnen zugunsten einer gedanklich konstruierten Gesamtheit, die jedoch nur durch ihre Stellvertretis existiert, die für sie sprechen und als sie handeln. In modernen Gesellschaften sind das die Funktions- und Deutungseliten, in autoritären Demokratien nur eine einzelne Führungsperson oder kleine Kader.
Der „demos“ – Halluzination einer Einheit mit klaren Grenzen und gefährlichen Effekten
Grundprinzip jeder Demokratie ist die Definition einer Gesamtheit von Menschen, die dann berufen sind, zu wählen oder abzustimmen. Der Wahlakt setzt eine genaue Grenzziehung voraus, jeder Wackler führt zur Ungültigkeit.
Nationen ziehen eine Trennungslinie nach Staatsangehörigkeit, Abstammung, Alter, manche immer noch nach Geschlecht, Bildungsgrad, Hautfarbe, medizinischem oder strafrechtlichem Status. Innen und aussen gibt es ebenso in Vereinen, Familien, Wohngemeinschaften, Fanclubs – einfach überall, wo Demokratie herrscht. Während in solchen gesellschaftlichen Subräumen (= Untereinheiten) die Ausschliessung meist nur zeitlich oder örtlich begrenzte Verdrängung nach sich zieht, hat das Ein- und Aussortieren zum Staatsvolk stärkere, mitunter tödliche Folgen. Das Denken als eigenes Volk beinhaltet zudem stets die gedankliche Konstruktion des Anderen, Fremden, Aussenstehenden. Bei genauerer Betrachtung ist diese Festlegung, wer nicht dazugehört, sogar dominant. Was deutsch (oder wahlweise ungarisch, brasilianisch …) ist, lässt sich kaum definieren. Haben ein ostfriesischer Bauer, eine Fliessbandarbeiterin bei VW in Zwickau und der Villenbesitzer in München-Schwabing eine gemeinsame Kultur? Wenn gemeinsame Sprache zu den Kennzeichen eines Volkes gehört, wieso hat dann das beständigste „Volk“ in Europa, die Schweiz, vier Amtssprachen? Was ist mit Papua-Neuguinea, in dem über 800 Sprachen gesprochen werden? Können sich traditionsbewusste Menschen aus Köln, Bautzen, Niebüll und Cham wirklich unterhalten, ohne als gemeinsame Fremdsprache Hochdeutsch zu nutzen? Auch der häufige Verweis auf eine gemeinsame Geschichte hilft selten weiter, besteht diese doch vor allem aus Mythen, die entweder frei erfunden sind (wie die Existenz eines Germaniens als Gegenspieler des römischen Reiches) oder nachträglich mit allerlei Deutungen aufgeladen wurden, um den Eindruck einer stringenten Aufeinanderfolge historischer Entwicklungen zu erzeugen. Daher dominiert die Abspaltung des Anderen. Konkurrenz, Hass, Rassismus und Kriege sind als Folgen im Kleinen und global bekannt. Doch damit sind noch nicht alle negativen Effekte beschrieben, die daraus folgen, dass aus vielen unterschiedlichen Menschen eine Einheit konstruiert wird, in der die Eigenarten und die Vielfalt untergehen. Wo, wie in der Logik der Demokratie, die vielen Unterschiedlichen in Parteien, im Fussballstadion, bei Wahlveranstaltungen oder beim Wahlaktiv zu einer Masse verschmelzen, „versinkt das Ungleichartige ... im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen“. Das schrieb Gustave Le Bon schon 1895 in seinem Klassiker „Psychologie der Massen“.
Individualität, Abwägungs- und Reflexionsvermögen der Einzelnen gehen verloren. Sie folgen den Impulsen, die auf sie hereinprasseln, entwickeln kollektive Freude, Euphorie, Hass, Wut, Mut oder Angst. Sie bilden nicht mehr eine Masse, sie sind Masse – und viele lieben genau das. Im Buch „Die Welle“ gehört zu den stärksten Momenten, als die in der Masse Untergehenden „behaupteten, ihnen gefiele das Demokratische an dieser ‚Idee': die Tatsache, dass sie jetzt alle gleich seien.“
Populismus und Fremdbestimmung
Damit nicht genug: Da die Menschen dort, wo ihre Binnendifferenzierung verloren geht, leicht emotionalisier- und euphorisierbar sind, bilden Massen den optimalen Humus des Populismus. Dass sich in der Demokratie, die aus den Menschen systematisch eine Einheit als „Volk“ und Gemeinwillen formt, immer wieder populistische Tendenzen durchsetzen, ist folglich kein Unfall, sondern liegt in der Logik der Demokratie selbst. Sie habe sich als „gastfreundlich gegenüber dem Populismus“ erwiesen, schrieb der britische Philosophieprofessor Grayling am 22.11.2016[1] in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem vielsagenden Titel „Die Demokratie zerstört sich selbst.“ Menschen in Massen sind leicht führ- und verführbar. Die einzelnen Überzeugungen und Meinungen zählen in der Masse nichts. Die Gesamtheit, in der Nation also das „Volk“, entsteht nicht als Folge einer Kooperation oder Vereinbarung der Menschen, die zum Bestandteil des Volkes erklärt werden. Vielmehr sind es Einzelpersonen, die aus privilegierten Stellungen oder mit überlegenen Mitteln die Meinung des „Volkes“ verkünden und es damit erschaffen, erhalten bzw. mit Leben füllen. Will heissen: Der Satz „Demokratie ist die Macht des Volkes über das Volk“ des italienischen Politikwissenschaftlers und Philosophen Giovanni Sartori ist falsch – ebenso wie Abraham Lincolns berühmte Gettysburg-Formel von 1863: „Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk“. Nicht das Volk wird regiert, sondern die Menschen. Demokratie ist die Herrschaft des Volkes über die Bevölkerung, muss es heissen. Der Unterschied zwischen Volk und Bevölkerung ist unscheinbar, aber zentral. Denn die Kategorie Volk bezeichnet, wie ausgeführt, die Einheitsmasse der Vielen, in der die Unterschiedlichkeiten, die Vielfalt, Eigenarten und oft Gegensätzlichkeiten zu einem Gemeinwillen verschmelzen. Dieses Konstrukt „Volk“, tatsächlich handelt durch seine Eliten, herrscht über die realen Menschen. Demokratie ist keine Herrschaft über sich selbst, sondern eine Form der Fremdbestimmung. Dieser Text ist die Zusammenfassung des Kapitels „Massenhaft demokratisch“ im aktuellen Buch „Die Demokratie überwinden, bevor sie sich selbst abschafft – zum Schlimmeren!“ von Jörg Bergstedt (SeitenHieb-Verlag, 2025). Die weiteren Kapitel des Buches bieten umfangreiche Ausführungen und Belege, warum Demokratien an sich selbst scheitern, warum sie menschlichkeitszerfressenden Wirtschaftssystemen wie dem Kapitalismus und populistischen Strategien eine so gute Plattform bieten und auf welche Weise eine klare Analyse verhindert wird. * Gliederung und Infos zum Buch: https://demokratie-ueberwinden.siehe.website * Erklärung zur is-Sprache: https://is-sprache.siehe.website
Kapitel über den „demos“
Viele Staaten erkennen Menschen nur oder vor allem kraft ihrer Abstammung als Staatsbürgis an. Das gilt auch für Deutschland. „Nur wer deutsche Vorfahren hat, erwirbt die deutsche Staatsangehörigkeit“, erklärt die deutsche Botschaft in Santiago de Chile den dort lebenden Menschen den Unterschied zur chilenischen Praxis, die Staatsangehörigkeit an den Geburtsort zu koppeln.[2] Abstammung entscheidet hierzulande also nicht nur über Wohlstand, daraus folgend Bildungs- und Karrierechancen, sondern auch über die Nationalität. Wer in zigtausend Kilometern Entfernung geboren wird und aufwächst, aber deutsche Eltern hat, ist formal mehr deutsch als ein Mensch, der sein ganzes Leben in Deutschland verbringt, aber die – aus nationaler Sicht – „falschen“ Eltern hat. Das zeigt, wie willkürlich die Grenze des „demos“ in einem Staat gezogen wird – und wie klar das ein Akt des Herrschens ist. Die Staatsgewalt geht nicht von der Bevölkerung aus, sondern sie definiert, wer das Volk ist – verlangt aber gleichzeitig, dass ihre Regeln für alle gelten, auch für die, die nicht zum „demos“ gehören, also nichts zu sagen haben.
Die Grenzen des demos
Einschliessung und Ausschliessung sind dem Volksbegriff inhärent.[3] Das Denken als eigenes Volk beinhaltet immer die gedankliche Konstruktion des Anderen, Fremden, Aussenstehenden. Bei genauerer Betrachtung ist die Festlegung, wer nicht dazugehört, sogar dominant. Was deutsch ist, lässt sich kaum definieren. Haben ein ostfriesischer Bauer, eine Fliessbandarbeiterin bei VW in Zwickau und der Villenbesitzer in München-Schwabing eine gemeinsame Kultur? Wenn gemeinsame Sprache zu den Kennzeichen eines Volkes gehört, wieso hat dann das beständigste „Volk“ in Europa, die Schweiz, vier Amtssprachen? Was ist mit Papua-Neuguinea, in dem über 800 Sprachen gesprochen werden? Können sich traditionsbewusste Menschen aus Köln, Bautzen, Niebüll und Cham wirklich unterhalten, ohne als gemeinsame Fremdsprache Hochdeutsch zu nutzen? Viele verweisen, nach dem Ursprung des Gemeinsamen im Volk gefragt, auf eine gemeinsame Geschichte. Für die meisten Nationen besteht diese vor allem aus Mythen, die entweder frei erfunden sind (wie das vermeintliche Germanien in der Epoche des römischen Reiches[4]) oder nachträglich mit allerlei Deutungen aufgeladen wurden, um den Eindruck einer stringenten Aufeinanderfolge historischer Entwicklungen zu erzeugen. Gibt es das Deutsche? Häufige Antwort: Ja. Was soll das sein? Häufige Reaktion: Schweigen. Aber eines können die meisten derjenigen, die sich als Teil des deutschen Volk begreifen, wahrscheinlich benennen: Wer nicht dazugehört. Das hat System. Eine jede identitäre, d.h. sich über vermeintliche Eigenarten als zusammengehörig fühlende Gruppe, weiss vor allem, was nicht dazu gehört. Sie bestimmt nicht, was sie eint, sondern sie schafft einen Zusammenhalt dadurch, dass sie von dem abgrenzt, was anders, fremd, eben das Aussen ist.
Kapitel über Massen
Die spannende Frage lautet nun: Entstehen solche Masseneffekte zwangsweise in grösseren Menschenmengen, und müsste deshalb alle Hoffnung schwinden, dass acht Milliarden Menschen irgendwann zu einem reflektierten Handeln (zurück-) finden? Zum Glück lautet die Antwort: Nein. Es gibt Hoffnung, jedenfalls theoretisch. Denn nicht jede Menschenansammlung ist einfach nur Masse. Es kommt auf die Binnenstruktur an. Fehlt jegliche Binnendifferenzierung, ist also nur noch das Ganze als Gesamtheit existent, dann gehen Individualität, Abwägungs- und Reflexionsvermögen der Einzelnen schnell verloren. Die Einzelnen folgen den Impulsen, die auf sie hereinprasseln. Sie entwickeln kollektive Freude, Euphorie, Hass, Wut, Mut oder Angst. Sie bilden nicht mehr eine Masse, sie sind Masse – und viele lieben genau das. Im Buch „Die Welle“ gehört zu den stärksten Momenten, als die in der Masse Untergehenden „behaupteten, ihnen gefiele das Demokratische an dieser ‚Idee': die Tatsache, dass sie jetzt alle gleich seien.“
Zum Glück lassen sich Menschenmengen, auch grosse, anders organisieren – nämlich so, dass die Individualität der Einzelnen erhalten bleibt und die Kommunikation diesem Erhalt und der Weiterentwicklung aller unterschiedlichen Ideen, dem Aus-tausch unterschiedlicher Positionen, dem produktiven Streiten und/oder dem Verstehen auch abweichender Auffassungen dient. die Menschen begegnen sich in einer Art und Weise, dass ihre Eigenarten im Austausch mit anderen gestärkt werden. Sie entfalten ihre Persönlichkeit und ihre Möglichkeiten in der Begegnung mit anderen. Das klappt, wenn diese Begegnungen das Nachdenken anregen und die kritische Reflexion eigener Handlungen und Denkmuster fördern. Das lässt sich experimentell belegen. Len Fisher berichtet von Experimenten, nach denen Menschen Schätzübungen durchführten. Am besten lag stets ein Durchschnittswert aus den abgegebenen Zahlen – doch nicht jeder. Denn „das Entscheidende ist, dass die Schätzungen unabhängig voneinander erfolgen. Ist dies nicht der Fall, schlägt die Weisheit rasch in Dummheit um.“ Der einzelne Mensch schneidet also schlechter ab als die vielen, aber nur solange diese nicht zu einer einheitlichen Masse verschmelzen. Die Kooperation der Unterschiedlichen ist das Beste, was die Menschen als soziale Gemeinschaft schaffen können.
Kapitel über Populismus
Die Demokratie habe sich als „gastfreundlich gegenüber dem Populismus“ erwiesen, schrieb der britische Philosophieprofessor Grayling am 22.11.2016[5] in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem vielsagenden Titel „Die Demokratie zerstört sich selbst.“ Seine Warnung: „Der Rechtsruck der Demokratien könnte das Ende der Demokratie bedeuten. Das war schon einmal der Fall, vor weniger als einem Jahrhundert, im Herzen Europas.“ Klingt schlimm, ist aber schlimmer. Denn es ist nicht nur der Rechtsruck, sondern es sind ebenfalls die „Webfehler unserer Demokratie“[6] selbst, also grundlegende Konstruktionsmängel, die zu ihrem Ende führen werden. Das macht es hoffnungslos, die Demokratie reparieren zu wollen. Nur ihre Überwindung in eine andere Richtung, als sie die Ewig-Gestrigen und Autoritätsfans bis Faschistis wünschen, bietet eine echte Chance. Denn es ist das der Demokratie immanente Konstrukt des „demos“, welches die Grundlage schafft, populistische Aussagen darauf zu beziehen, also einfach zu behaupten, dass sie des Volkes Meinung oder das Interesse des Volkes träfen. Passende, emotionalisierende Aussagen vor Wahlen können deren Ergebnisse massiv beeinflussen. Titelschlagzeilen über Kindesmissbrauch oder mit Messern bewaffnete Nicht-Deutsche, über schlechte Wirtschaftszahlen oder den Fund nackter Kinderbilder bei Kandidatis – das Wahlergebnis ist schnell so stark verschoben, dass die dann folgende Regierung anders ausfällt. Da hilft es auch nicht, wenn sich die Schlagzeilen am Tag nach der Wahl als einseitig, übertrieben, falsch oder sogar gezieltes Fake herausstellen. Wahlen, Abstimmungen und Umfragen bleiben gültig. Es sind Ereignisse, in denen Menschen als Masse behandelt werden und agieren. Sie stehen über den Wahl- oder Umfragemodus in einem Verhältnis zueinander und werden durch den Abfragemodus – ähnlich den digitalen Likes – zu einer gleichgeschalteten Art des Denkens und Handelns geführt. Echte, reflektierte Gewissensentscheidungen entfallen ebenso wie direkte Kommunikation. Menschen in Massen sind begeisterbar durch charismatische Persönlichkeiten. Das Gemeinschaftsgefühl kommt auf Hochtouren beim gemeinsamen Jubel für Stars, Sportclubs oder eben politischen Führis. Deren Inhalte zählen nicht mehr, es geht um Design, Emotion, Ekstase, Hass oder Hetze. Das darf sogar auffallen. So reiht der aktuelle US-Präsident Donald Trump seine Lügen in aller Offenheit und völlig unverschleiert aneinander. Dem unterwürfigen, das Selbst negierenden Jubel tut das keinen Abbruch. Nur Stimmungen zählen, die Zeit für Inhalte ist vorbei. Sein für jeden Menschen erkennbar verfassungswidriger, an Absolutismus erinnernder Satz „Wer sein Land rettet, verstösst gegen kein Gesetz“ regt nicht mehr auf. Hier spricht der Volksführer und -verführer – und die als Masse Verblödeten jubeln. Aus dem Fazit zu Teil 1 (S. 95) Demokratie […] ist die Herrschaft des Volkes über die Bevölkerung, also über die konkreten Menschen. Klein, aber fein unterscheidet sich dieser Satz von den üblichen Formulierungen im demokratischen Fanblock: „Demokratie ist die Macht des Volkes über das Volk“, formulierte der italienische Politikwissenschaftler und Philosoph Giovanni Sartori. Abraham Lincolns berühmte Gettysburg-Formel von 1863 lautet: „Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk“[7]. Der Unterschied zwischen Volk und Bevölkerung ist unscheinbar, aber zentral. Denn die Kategorie Volk bezeichnet, wie ausgeführt, die Einheitsmasse der Vielen, in der die Unterschiedlichkeiten, die Vielfalt, Eigenarten und oft Gegensätzlichkeiten zu einem Gemeinwillen verschmelzen. Da dieser Vorgang nicht von den Vielen direkt gestaltet werden kann, sind es nur Wenige, die kraft ihrer Privilegien als Sprachrohre der Menschen auftreten und den Gemeinwillen verkünden. Erst dadurch entsteht überhaupt das Volk – als Konstrukt. So lässt sich auch formulieren: Die privilegierten, in der Soziologie als Funktions- und Deutungseliten bezeichneten Teile sind das Volk. Die grosse Menge der Menschen wird ungefragt unter dem Begriff subsummiert. Sie sind individuell dafür gar nicht nötig. Dieses Volk, nichts als eine kollektive Illusion, durch welche die Meinungen und Interessen von Wenigen als legitimiert erscheinen, herrscht nicht über das Volk, sondern über die Bevölkerung, also die realen Menschen – völlig ungeschminkt jeden Werktag tausendfach in deutschen Gerichtssälen, wenn „im Namen des Volkes“ den konkreten Menschen ihre Freiheit oder ihr Geld genommen wird. Einfach so. Demokratisch, als Herrschaft des Volkes. Über die Menschen.
Demokratischer Alltag – aristokratisch, kapitalistisch, auf dem Weg ins Autoritäre
Die Grundfehler der Demokratie, unter anderem die Bildung des „demos“ als konturlose Einheit der Vielen, die Schaffung klarer Grenzen und die Anfälligkeit gegenüber populistischen Impulsen, sind keine Theorie, sondern fast überall längst eine Praxis, die nicht mehr viel mit den Idealen zu tun hat, die von der demokratischen Propaganda behauptet werden.

Der Rousseausche Gemeinwille entpuppt sich schnell als Diskurs im Foucaultschen Sinne, und damit als die vor allem aus den Funktions- und Deutungseliten kraft ihrer Ämter, Reichweite, ihres Reichtums und weiterer Privilegien geformte öffentliche Meinung. Wahlen und Abstimmungen verstärken entgegen des Slogans „one man, one vote“ diese Unterschiede, denn diejenigen, die ohnehin schon bevorteilt sind, haben deutlich bessere Chancen, auf Parteilisten aufgestellt oder direkt gewählt zu werden. Dann verbinden sich ihre bisherigen Privilegien mit zusätzlicher, demokratisch erschaffener Handlungsgewalt. Das Ergebnis ist eine lupenreine Aristokratie, gut erkennbar an der Dominanz nur weniger Berufsgruppen und sozialer Schichten in Parteispitzen, Bundestag und Landtagen. Diese Kluft zwischen Privilegierten und allen anderen wächst, denn Herrschaft ist kein neutrales, sondern ein sich selbst verstärkendes Prinzip. Wer Privilegien hat, setzt diese aus pragmatischen Gründen auch ein. Es ist schlicht funktional, Geld, Waffen, Macht oder Recht einzusetzen, wenn es verfügbar ist. Das Erleben, dass ihr Einsatz Vorteile bringt, weckt den Drang, die Privilegien zumindest abzusichern, am besten aber noch auszubauen. Allein die Absicherung stellt eine Zunahme von Herrschaft dar, weil sie zusätzliche Formen von Überwachung, Kontrolle und Sanktionierung erfordert – ein ständiges Schubsen in Richtung autoritärer Welten.
Demokratie und Kapitalismus
Das steigert sich im Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem, welches Produktion und Absatz allein dem Diktat des Profitmachens unterwirft, ist bestens mit der Demokratie vereinbar – deutlich besser als mit Diktaturen oder Monarchien. Denn in letzteren hängen alle Vorteile am seidenen Faden des Wohlwollens der Ein-Mensch-Führung. Wer in Ungnade fällt, ist schnell seiner Privilegien beraubt oder gleich einen Kopf kürzer. Gegen das ständige Zittern vor einem Sinneswandel oder der Auswechselung der herrschenden Person hilft kein gut gefülltes Konto. Anders in der Demokratie: Da die Ausführenden der Macht durch die öffentliche Meinung und Lobbyismus wirkungsvoll in ihrem Verhalten beeinflusst werden können, sitzen die Privilegierten viel fester im Sattel. Um die Eliten zu entmachten, bräuchte es eine starke Zentralmacht – und die fehlt in Demokratie. Wahlen, öffentliche Meinungen, Gesetzestexte und Medienberichte lassen sich mit Geld und guten Beziehungen besser beeinflussen als an eigenen Interessen orientierte Diktator*innen.
Selbstverstärkung von Herrschaft
Die genannten Prozesse verstärken sich gegenseitig. Der Abstand zwischen Arm und Reich, zwischen Verschuldeten und Besitzenden wächst, ebenso der zwischen Menschen mit viel Reichweite und den stimmlosen Massen, zwischen Menschen an den Hebeln der Macht und den vielen Ohnmächtigen, die mit den Wahlen im Brot-und-Spiele-Stil bei der Stange gehalten werden. Am Ende wird – mal wieder – der Übergang in autoritäre Systeme stehen. Dabei müsste, mit Blick auf die Vergangenheit, gerade in Deutschland längst die Erkenntnis gereift sein, dass Demokratien mit ihren Wahlen, der Vermassung der einzelnen Menschen zum Volk und den vielen Bühnen für Populismus und Verführung immer wieder in die Diktatur führen. Ist 1933 schon vergessen? „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“, warnte Theodor W. Adorno. Warum sind dennoch so viele Menschen blind gegenüber der Gefährdung der Demokratie durch sich selbst und die derzeitige Politik? Hat es die Propaganda geschafft, den offensichtlichen Zusammenhang mit der Demokratie erfolgreich aus der Erinnerung an das dunkelste Kapitel des Landes zu löschen, obwohl es die Etappen des Wandels der Demokratie zum Faschismus zwischen 1930 und 1933 schon damals keine Überraschung waren. [999] historischen Athen und Rom, erstere die behauptete Geburtsstunde der Demokratie, zweitere des Rechtsstaates, verschwanden die kleinen Anfänge in Populismus, Kriegen und Einzelherrschaft. Die französische Revolution führte in die Alleinherrschaft Napoleons. Auch nach dem demokratisch herbeigeführten Desaster des Dritten Reiches reihen sich die Beispiele aneinander, in neuester mit dem arabischen Frühling, dem nach begrenzten Lockerungsübungen fast überall Diktaturen folgten. Die Anzeichen, dass auch Deutschland auf dem Weg von der Demokratie über ihre eigene Zuspitzung in autoritäre Welten schon weit fortgeschritten ist, gibt es zuhauf. Zahlen zeigen, dass sich immer mehr Menschen eine Diktatur (Steigerung von 2,2 % auf 6,6% und zusätzlich 23,3% statt zuvor 15,5 % der ‚teils/teils'-Haltungen). Ebenfalls erhöhte sich der Anteil rechtsextremer Weltsichten auf 12,3 % selbst der unter 35-Jährigen. Die Totenglocken läuten längst.
Dieser Text ist die Zusammenfassung des Kapitels „Demokratischer Alltag“ [999] aktuellen Buch „Die Demokratie überwinden, bevor sie sich selbst abschafft – zum Schlimmeren!“ von Jörg Bergstedt (SeitenHieb-Verlag, 2025). Die weiteren Kapitel des Buches bieten umfangreiche Ausführungen und Belege, warum Demokratien an sich selbst scheitert, warum sie menschlichkeitszerfressenden Wirtschaftssystemen wie dem Kapitalismus und populistischen Strategien eine so gute Plattform bietet und auf welche Weise eine klare Analyse ebenso verhindert wird wie der Ausbruch aus dem demokratischen Teufelskreis.
Ausgewählte Zitate aus Teil 2 des Buches „Demokratischer Alltag“
In Diktaturen dominiert eine Person, in Oligarchien stehen Wenige an den Hebeln der Macht. In der Demokratie „herrschen“ vor allem die Diskurse und das, was aus ihnen entsteht. Wer dort die wichtigen Posten einnimmt, temporär in der Politik, dauerhaft in Wirtschaft, Medien usw., wirkt vor allem durch den grösseren Einfluss auf die Denkkulturen als andere. „Der Aktivbürger unmittelbar wird angesprochen. Er soll in seinen künftigen politischen Entschliessungen durch die Argumente, die er im Parlament hört, beeinflusst werden.“[1] Gleichzeitig bleiben auch die Mächtigen getrieben von den Diskursen, die folglich mehr prägen als die Entscheidungsmacht Einzelner. Die gesamte Gesellschaft und damit auch der „demos“ der Demokratie tanzen im Takt der Diskurse. Jeder Blick in die Geschichte oder in aktuelle Sphären der Gesellschaft bestätigt das. So gab es Jahre, in denen sich Jugendkulturen gegen Erwachsene richteten. Es gab Phasen im Feminismus, die Zuordnung zu festen Geschlechtern zu überwinden. Es gab Zeiten mit starker Kritik am Prinzip der Erwerbsarbeit. Es war der Zeitgeist, einfach „hipp“, auf Selbstverwaltung zu setzen oder als „glücklicher Arbeitsloser“ aufzutreten. Wird eine solche Strömung dominant, machen das gefühlt alle, tatsächlich aber vor allem all diejenigen, die öffentlich agieren. Sie erzeugen den dominanten Eindruck, dass es „alle“ sind. „Die“ Bewegung. „Das“ Volk. „Die“ Jugend. „Die“ … Doch die Diskurse verändern sich. So liessen sich viele FridaysForFuture-Aktive von Erwachsenen ihre Inhalte diktieren („Hört auf die Wissenschaft!“),[2] Pronomenrunden wurden zum neuen Standard und ein neuer Arbeitsfetischismus entstand. Auch solche neuen Diskurse spiegeln, wie die vorherigen, nicht die mehrheitliche, sondern die dominante Denkkultur. Umfrageergebnisse werden von dieser beeinflusst – und beeinflussen sie umgekehrt auch. Zwar sind Diskurse eben nicht automatisch auch die Meinung der Mehrheit, aber viele Menschen werden statt einer eigenen Meinung die auf sie einwirkenden Diskurse benennen. „Common sense ist Ideologie, die sich weigert, ihre eigene Ideologie zu sehen, ein Zoo, der aufrichtig glaubt, unberührte Natur zu sein.“[3] Um Ämter, die durch Wahl besetzt werden, entsteht in der Regel ein Konkurrenzkampf. Die Chancen, gewählt zu werden, sind bei den Bewerbis aber entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Die gesellschaftliche Stellung, geprägt durch Gender, Herkunft und Alter, Bildungsgrad und Titel, körperlichen Einschränkungen und Biographie beeinflusst die Reichweite und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Die jeweiligen materiellen Möglichkeiten entscheiden über Zeit- und Werberessourcen, die für die Eigenwerbung eingesetzt werden können. Wer reich ist, folglich Zeit und Geld einsetzen kann, in der Folge zudem über gute Kontakte verfügt und dem Sympathiebild einer Gesellschaft entspricht, hat die besten Chancen, gewählt zu werden. „Laut Gesetz sind alle Menschen mit Staatsbürgerschaft politisch ‚gleich'. In der Realität ist ihr Zugang zur politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung allerdings sehr unterschiedlich. Ressourcenstarke Bürger*innen sind in der Regel stärker involviert und können Politiker*innen leichter beeinflussen.“[4] … Alle Parlamente demokratischer Staaten weisen ähnliche Ungleichverteilungen der Bevölkerungsgruppen nach Alter, Geschlecht, Berufszugehörigkeit usw. auf. Das fällt oft sehr extrem aus, zum Beispiel „dass in den beiden Kammern des italienischen Parlaments lediglich 2 (zwei) Industriearbeiter sitzen (und damit 31 Prozent aller Arbeitskräfte vertreten), aber 122 Advokaten, 55 Journalisten, 51 Ärzte, 14 Steuerberater und so weiter.“[5] Bei den Wählenden sieht es nicht so viel anders aus. Die Wahlbeteiligung der Bessergestellten ist deutlich höher. [999] Ergebnis wählen vor allem Privilegierte aus der von stärker Privilegierten ausgewählten Schar besonders stark Privilegierter die Runde derer, die dann an die Hebel der funktionalen Macht rücken. Demokratie ist eine Form der Herrschaft. Somit gilt auch für sie, was für alle Formen der Herrschaft gilt: Sie verstärkt sich aus eigener Logik heraus. Der Grund ist einfach. Machtmittel, die vorhanden sind, zu nutzen, ist funktional. Wer Privilegien oder eine Waffe hat, das Gesetz oder die Polizei hinter sich weiss, muss nicht auf Augenhöhe verhandeln. Ob bei der Verteilung von Ressourcen oder dem Einfluss auf Diskurse, herausgehobene Handlungsmöglichkeiten verleiten dazu, sie zu nutzen. Es ist einfach effizient. Aus dem Erleben dieser Effizienz folgt der Wille, diesen Vorsprung abzusichern oder zu vergrössern. Kapitel zur Demokratie, die sich selbst überwindet (S. 140) Der Hinweis auf die Vergangenheit müsste gerade in Deutschland zu der Erkenntnis führen, dass die Demokratie mit ihren Wahlen, der Vermassung der einzelnen Menschen zum Volk und den vielen Bühnen für Populismus und Verführung schnell in die Diktatur führen kann. Ist 1933 schon vergessen? Zumindest erwächst aus dem mehrfachen Ende der Demokratie in Richtung sich zuspitzender Herrschaft und nicht selten des Faschismus wenig Lerneffekt. „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“[6] Warum sind so viele Menschen blind gegenüber der Gefährdung der Demokratie durch die derzeitige Politik und den Weg, den unsere Gesellschaft eingeschlagen hat, obwohl wir doch nur zurückblicken müssen, um zu erkennen, dass wir dabei sind, einige der dunkelsten Abschnitte unserer Geschichte zu wiederholen? Oder hat es die Propaganda geschafft, den offensichtlichen Zusammenhang mit der Demokratie erfolgreich aus der Erinnerung an dieses dunkelste Kapitel zu löschen? Dabei waren die Etappen des Wandels der Demokratie zum Faschismus zwischen 1930 und 1933 kein Einzelfall. [999] historischen Athen und Rom, erstere die behauptete Geburtsstunde der Demokratie, zweitere des Rechtsstaates, verschwanden die kleinen Anfänge in Populismus bzw. einem kriegslüsternen Kaiserreich. Die französische Revolution führte in die Alleinherrschaft Napoleons. Dem arabischen Frühling folgten nach begrenzten Lockerungsübungen fast überall Diktaturen. Waren diese den kapitalistisch-westlichen Staaten zugeneigt, wurden sie von denen freudig akzeptiert. Autoritäre Regimes folgen auf Demokratien, manche durch Putsch oder Eroberungskrieg, andere durch Wahlen. Von Regierungen anderer Staaten und Unternehmen, denen der Wandel nützt, kommt Beifall. Moral und Ideale gelten meist nur in Wahlkampfzeiten. Die Anzeichen, dass Deutschland auf dem Weg von der Demokratie über ihre eigene Zuspitzung in autoritäre Welten schon weit fortgeschritten ist, gibt es zuhauf. So stieg die „Zunahme der Befürwortung von ‚Diktatur' von 2,2 % auf 6,6% und zusätzlich 23,3% statt zuvor 15,5 % der ‚teils/teils'-Haltungen.“ Ebenfalls erhöhte sich „der Anteil solcher als rechtsextrem eingeordneter Weltsichten von nur 4,4% der ab 65-Jährigen bis auf 12,3 % der unter 35-Jährigen“.[7]
Projektwerkstatt Saasen
Fussnoten: [1] Aus der Rede von Gerhard Leibholz auf einer Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung, in: „Parteien, Wahlrecht, Demokratie“, Westdeutscher Verlag in Köln (S. 54) [2] https://fff-halle.de/beitrag/hoert-auf-die-wissenschaft/ [3] Aus: David Van Reybrouck (2016), "Gegen Wahlen", Wallstein Verlag in Göttingen (S. 28) [4] Brigitte Geissel (2024, S. 48) [5] Vladimiro Giacché (2006, S. 26f) [6] Theodor W. Adorno in einem Vortrag auf der Erzieherkonferenz in Wiesbaden am 6. November 1959 [7] Detlef Lehnert (2023), „Überblick und Hinweise zu einigen neueren Demokratie- und ‚Polarisierungs'-Studien“, in: Perspektiven 2/2023 (S. 27)






