Ex-PKK-Kämpferin und Ex-Bombenleger im Gespräch: Wie denken sie heute über linke Militanz?
Presseartikel Freitag Von Christopher Wimmer11.02.2026
Während Rojava belagert wird, blicken die zwei ehemaligen Militanten Anja Flach und Thomas Walter auf ihre Biografien. Ein Gespräch über bewaffnete Politik, Exil und die Frage, wie Widerstand im 21. Jahrhundert aussieht
Die weltweiten Krisen spitzen sich zu – und mit ihnen die Angriffe auf Demokratien und fortschrittliche Projekte. Die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien steht unter massivem Druck, autoritäre Regime gewinnen an Einfluss, während zugleich junge Menschen in vielen Ländern auf die Straße gehen. Ereignisse wie die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA machen sichtbar, wie offen Machtpolitik heute betrieben wird und wie brüchig das Völkerrecht geworden ist.
In dieser Phase wachsender Widersprüche lohnt der Blick zurück – nicht aus Nostalgie, sondern um Erfahrungen früherer Kämpfe für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Thomas Walter und Anja Flach entschieden sich in den 1990er Jahren für militante Politik: er als Teil der Gruppe K.O.M.I.T.E.E. in Deutschland, sie als Internationalistin in der kurdischen Frauenarmee.
Ihre Wege führten ins Exil, in die Illegalität und in den bewaffneten Kampf – und schließlich zurück ins zivile Leben, ohne die politische Haltung aufzugeben. Im Gespräch mit dem Freitag erzählen sie von Biografien zwischen Hoffnung und Scheitern, von Solidarität und Repression – und von der Frage, was heutige Bewegungen aus vergangenen Kämpfen lernen können. Ob und wie sich diese Erfahrungen übertragen lassen, bleibt eine offene Frage.
der Freitag: Frau Flach, Herr Walter, Sie haben sich beide bewusst für militante Politik entschieden. Heute denkt man da vielleicht an Bilder vom „schwarzen Block“ oder an Anschläge auf das Stromnetz wie jüngst in Berlin. Diese Aktionen wurden von fast allen sehr kritisch gesehen. Was heißt „Militanz“ für Sie persönlich – damals und heute?
Anja Flach: Für mich heißt Militanz, das kapitalistische Patriarchat nicht zu akzeptieren – und alles daran zu setzen, dass es nicht weiterbesteht. Militanz bedeutet in der kurdischen Bewegung nicht primär die Frage von Waffen, sondern eine Haltung: die Konsequenz und die Bereitschaft, persönliche Bedürfnisse zurückzustellen. Es heißt, eine Persönlichkeit zu entwickeln, durch die man in der Lage ist, an der Veränderung der Verhältnisse mitzuwirken.
Thomas Walter: In Deutschland wird Militanz schnell mit Gewaltanwendung gleichgesetzt. Hier in Lateinamerika heißt „militant“ schlicht ernsthaftes Zugehörigsein zu einer Sache. Für mich bedeutet Militanz, alle ethisch vertretbaren Mittel zu wählen, um politische Ziele durchzusetzen – das hängt ab von den jeweiligen sozialen Verhältnissen und soll nicht nur Ritual oder Provokation sein. Es geht darum, sich die Mittel in politischen Aktionen selbst auszusuchen und sich nicht vom Gegner vorschreiben zu lassen, was richtig ist und was falsch. Im Sinne des Schwarzen US-Aktivisten Malcom X: by all means necessary (mit allen notwendigen Mitteln).
Militanz ist für Sie beide eine persönliche Haltung. An welchem Punkt haben Sie sich in Ihren Biografien entschieden, dass diese Haltung legitim ist?
Walter: Bei mir war es die Subkultur. Ich kam 1984 vom Dorf nach Berlin, um dem Wehrdienst zu entgehen. In Westberlin hat mich dann die autonome Szene geprägt: Dort wurden unterschiedliche Mittel völlig normal angewendet. Zudem gab es starken Zusammenhalt, praktische Solidarität und eine klare Feindbestimmung gegenüber dem Staat. Als diese Szene zerbrach, suchten wir Wege, sichtbar zu bleiben.
In dieser Situation entstand dann die Gruppe K.O.M.I.T.E.E. und 1995 der Plan, einen Sprengstoffanschlag auf den ehemaligen DDR-Frauenknast in Berlin-Grünau durchzuführen, der damals zu einem Abschiebegefängnis umgebaut wurde – nicht aus Lust an Gewalt, sondern aus der politischen Analyse, durch diese Art von „bewaffneter Propaganda“ unsere Themen – speziell die Solidarität mit Kurdistan und die Kritik an Abschiebungen – stärker in die Debatte zu bringen. Leider ist das gescheitert, da der Anschlag nicht geklappt hat. Wenn man sich für Militanz entscheidet, sollte es schon erfolgreich sein (lacht).
Wie sahen die politischen Milieus damals aus und wie haben Sie dort Rückhalt gefunden?
Flach: In den 1980er-Jahren war Internationalismus viel verbreiteter. Viele Gruppen sahen sich als Teil weltweiter Kämpfe, nicht nur als lokale Protestbewegung – so habe ich auch die Aktionen des K.O.M.I.T.E.E. verstanden. 1994 war ich dann zum ersten Mal in Kurdistan; ich sah, wie die türkische Armee mit deutschen Panzern Dörfer zerstörte – das war ein prägender Moment für mich persönlich.
Doch auch in der deutschen Linken insgesamt löste dies Empörung aus und es kam zu massiven Protesten, bis hin ins linksliberale Lager. Es gab also Räume, die Solidarität ermöglichten und in denen Aktionen geplant wurden. Daraus entstand dann auch eine große Entschlossenheit, dem System etwas entgegenzusetzen.
Walter: Diese Räume gaben Selbstbestätigung und Ressourcen, auch wenn man nicht immer einer Meinung war. Ich war damals sehr an Kurdistan interessiert und für mich als Internationalist war klar, dass man eine politische Verpflichtung hat, den kurdischen Kampf zu unterstützen. Als Anarchist hatte ich zwar Vorbehalte gegenüber der PKK. Wir fanden aber, dass es unsere Pflicht sei, die BRD daran zu hindern, die kurdische Befreiungsbewegung zu bekämpfen.
Heute fehlen solche größeren Verbindungen – vieles ist fragmentiert, digitalisiert, weniger verbindlich. Menschen, die sich heute für militante Aktionen entscheiden, brauchen daher eine viel stärkere Entschlossenheit, als zu unserer Zeit, wo man einfach so vom Strom mitgezogen wurde.
Gleichzeitig sind die Bewegungen der 1980er Jahre ja verschwunden. Haben sie auch Fehler gemacht?
Flach: Die meisten folgten dem Konzept der autonomen Kleingruppen, waren lose verbunden durch gemeinsame Ziele, aber ohne gemeinsame Koordination. Das verhinderte den Aufbau größerer, nachhaltiger Strukturen. Die kurdische Bewegung dagegen hat früh erkannt, dass eine Bewegung langfristig und strukturiert aufgebaut werden muss.
Man kann versuchen, Kollateralschäden zu reduzieren. In unserem Fall ist das durch unkluge Planung, durch Fehler, leider nicht gelungen
Thomas Walter
Walter: Autonomie hatte aber auch Vorteile: Dezentrale Aktionen bieten eine geringere Angriffsfläche für die staatliche Repression. Gleichzeitig waren diese vielen Klein- und Kleinstgruppen häufig ein bisschen stolz darauf, anders zu sein als die anderen. Diese Abgrenzung wurde bisweilen fast schon gepflegt und hatte etwas Individualistisches. Im Rückblick denke ich, dass das ein Fehler war und man mehr auf Koordination hätte Wert legen müssen.
Sie haben Repressionen angesprochen. Welche Überlegungen gab es bei Ihnen dazu, wie man sich oder Nahestehende schützt?
Walter: Wenn man gesetzeswidrig handelt, hat das immer was mit anderen zu tun. Man bewegt sich ja nicht im luftleeren Raum. Solche Taten ziehen immer Repression nach sich. Diese trifft nicht nur einen selbst, sondern kann unbeteiligte Angehörige belasten. Da muss man sich entscheiden, ob das gerechtfertigt und verantwortbar ist, auch mit dem eigenen politischen Bewusstsein. Man kann versuchen, Kollateralschäden zu reduzieren. In unserem Fall ist das durch unkluge Planung, durch Fehler, leider nicht gelungen.
Flach: Als ich mich damals der PKK-Guerilla angeschlossen habe, habe ich meine Mutter nicht darüber aufgeklärt. Das war damals auch noch relativ neu und es gab für unsere Familien auch keine Ansprechpersonen. Als Internationalist:innen sind wir den Familien aber verpflichtet.
Mittlerweile gibt es den Verein „Familien für den Frieden“, in dem sich Familienangehörige von Internationalist:innen oder auch internationalen Gefallenen der kurdischen Freiheitsbewegung engagieren. Angehörige brauchen praktische Hilfe, rechtliche Unterstützung und Räume für Trauerarbeit. Erinnerung ist politisch. „Erinnern heißt kämpfen“ ist nicht nur ein Slogan, sondern auch unsere Praxis.
Sie haben beide mehrfach die kurdische Bewegung erwähnt. Warum ist diese Ihnen so wichtig?
Walter: Ich hatte länger Vorbehalte gegenüber der PKK. Da hat sich aber im Lauf der Jahre sehr viel geändert. Was gegenwärtig in Nord- und Ostsyrien, in Rojava, passiert, ist für mich ein wichtiger Bezugspunkt dafür, wie man eine befreite Gesellschaft konkret organisieren kann. Das gibt mir, auch trotz der aktuellen Angriffe, weiterhin viel Mut und Inspiration.
Flach: Für mich ist die kurdische Bewegung seit über 30 Jahren mein Lebensmittelpunkt. Ich habe dort gelernt, wie Organisation funktioniert: von Basisversammlungen über Frauenstrukturen bis zur kollektiven Selbstverwaltung. Seitdem gibt mir die Bewegung unglaublich viel Hoffnung und stellt eine Alternative für ein neues Leben dar. Ich lerne jeden Tag von dieser Bewegung.
Aktuell wird die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien massiv bedroht. Ein Abkommen mit der Zentralregierung in Damaskus könnte das Ende von Rojava bedeuten.
Flach: Mit der Machtübernahme der islamistischen „Übergangsregierung“ in Damaskus beendeten die USA und ihre Verbündeten ihr taktisches Bündnis mit der Selbstverwaltung. Die Islamisten konnten Rojava massiv angreifen. Das ist bitter, aber nicht überraschend. Militärisch konnten sich nur die kurdischen Kerngebiete in Nordsyrien verteidigen, gestützt auch durch weltweite Solidarität. Das aktuelle Abkommen zur weitgehenden Integration der Selbstverwaltung in den Staat ist kein Endpunkt für Rojava, sondern der Beginn eines langen, mühsamen Kampfes um demokratische Integration. Wir müssen weiterhin alles Menschenmögliche tun, um Rojava zu unterstützen.
Was Sie beide ebenso verbindet, ist das Neubeginnen. Frau Flach, Sie kamen Ende der 1990er nach Deutschland zurück. Am Ende Ihres ersten Buches schreiben Sie, dass Sie sich gar nicht vorstellen konnten, wie das sein wird. Thomas Walter, bei Ihnen war es zunächst der erzwungene Weggang aus Deutschland, dann Untertauchen und später der Aufbau eines Lebens in Venezuela. Wie kann man nach solchen intensiven Erfahrungen zurück ins zivile Leben?
Flach: Für mich war das Zurückkommen sehr hart. Von der Guerilla kannte ich einen organisierten Rahmen mit klaren Aufgaben. Nach meiner Rückkehr habe ich den Individualismus und die Vereinzelung hierzulande völlig unterschätzt, den es auch bei deutschen Linken gibt, und ich musste auch mit meinem eigenen Liberalismus kämpfen. In der deutschen Linken konnte ich nur schlecht politisch wieder Fuß fassen und bin seither in der kurdischen Bewegung hier in Europa organisiert.
Nach meiner Rückkehr habe ich den Individualismus und die Vereinzelung hierzulande völlig unterschätzt
Anja Flach






