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Radikale Arbeitszeitverkürzung: Projekt der demokratischen Aneignung von Zeit

Jede Stunde, die wir weniger arbeiten, ist eine Stunde, die wir für politisches und demokratisches Engagement sowie für unsere individuellen und gemeinsamen Interessen nutzen können. In ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Serie argumentiert die 4-Stunden-Liga, dass ein vierstündiger Arbeitstag für alle bei vollem Lohn und voller Personalausgleichung den Weg für die demokratische Selbstbestimmung über unsere Zeit ebnet.

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Arbeitgeberverbände und Politik in Deutschland sind sich derzeit wieder einig: Wir müssen alle mehr und länger arbeiten – täglich, wöchentlich, bis ins hohe Alter. Statt „Lifestyle-Teilzeit“ sollen wir uns für den Wirtschaftsstandort Deutschland aufopfern: genug mit der Träumerei von Work-Life-Balance und 4-Tage-Woche. Die seit Monaten anhaltende Trommelei ist die Ouvertüre zur geplanten Abschaffung des 8-Stundentags durch die CDU/CSU/SPD-Koalition. Ziel ist die nahezu vollständige Unterwerfung unseres Lebensrhythmus unter die unberechenbaren Schwankungen des kapitalistischen Arbeitskraftbedarfs. Die Wachstumskrise des kapitalistischen Wirtschaftsmodells soll zulasten von Beschäftigten überwunden werden. Geht die Reform durch, sind Schichten von bis zu 12 Stunden täglich möglich. Zu wenig Arbeit ist jedoch nicht die Ursache der ökonomischen und politischen Verwerfungen, mehr Arbeit nicht die Lösung. Im Gegenteil.

Friedrich Merz und Co führen sowohl einen Klassenkampf von oben als auch einen rechten Kulturkampf gegen alles, was nach Emanzipation und Fortschritt riecht. Sie verfolgen damit auch eine zutiefst antidemokratische Politik. Denn: Demokratie braucht Zeit; und diese Zeit haben wir jetzt schon zu wenig und sie soll noch weiter beschnitten werden.

Der Zusammenhang von Demokratie und Zeit wird bereits deutlich, wenn man Demokratie in ihrer bürgerlichen, parlamentarischen Variante betrachtet, in der Bürger*innen periodisch ihre Stimme abgeben und dann wieder auf der Zuschauerbank Platz nehmen. Dass es ohne Zeit keine demokratischen Verhältnisse geben kann, ist erst recht nicht zu leugnen, wenn wir Demokratie umfassend als kollektive Selbstbestimmung verstehen. Bei einem solchen Demokratieverständnis ist radikale Arbeitszeitverkürzung das Gebot der Stunde. Der 4-Stunden-Tag für alle bei vollem Lohn- und Personalausgleich ist ein konkret-utopisches Projekt zur Vertiefung von Demokratie. Die anfallenden Kosten können durch eine massive Reduzierung kapitalistischer Gewinne, also eine Umverteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums gedeckt werden.

Demokratie braucht Zeit

Die bürgerlich-liberale Demokratie ist aus Revolutionen gegen die feudale Ordnung und aristokratische Herrschaft entstanden. Sie beruht auf einem parlamentarischen System der Repräsentation, in der zwar per Definition alle Macht vom Volke ausgeht, die Grenzen dieser Machtausübung aber eng gesteckt sind.

Schon die bürgerlich-liberale Demokratie, eng verkoppelt mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise, braucht eigentlich viel mehr von unserer Zeit, als die 40-Stunden-Plus-Lohnarbeitsgesellschaft uns lässt. Informiert zur Wahl gehen braucht Zeit! Die politischen Institutionen als demokratischer Souverän kritisch zu beobachten, braucht Zeit! Nachrichten verfolgen, Analysen lesen oder im Radio hören, darüber diskutieren, braucht Zeit!

Unabhängige Kultur zu organisieren, Zivilgesellschaft lebendig zu halten, das Ehrenamt im Sportverein, Betätigung in Parteien, Verbänden, Gewerkschaften – all das braucht Zeit. Kinder erziehen, die selbst zu mündigen Bürger*innen werden sollen, braucht Zeit. Die Pflege von erkrankten und älteren Menschen braucht Zeit, damit das Versprechen auf Menschenwürde wenigstens minimal eingelöst wird.

Undemokratische Grundordnung

Doch bereits jetzt leiden viele Beschäftigte unter Arbeitsverdichtung, Stress wegen Personalmangel und Krankheitsausfällen, machen Überstunden – ein Großteil davon weder erfasst noch entlohnt. Die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen nehmen zu und viele Beschäftigte können sich nicht vorstellen, unter den aktuellen Bedingungen bis zum Renteneintrittsalter durchzuhalten. Was an ‚Freizeit‘ bleibt, verkümmert zur bloßen Regeneration für den nächsten Arbeitstag.202501011sardinien020

Wenn nun, wie es CDU/CSU/SPD planen, der 8-Stunden-Tag abgeschafft wird, fallen die letzten Reserven weg, die das Ideal einer reflektierten Öffentlichkeit und breiten Partizipation im zivilen Leben – so vergeblich der Glaube an dieses Ideal ist – noch stützen. Die bereits seit langem geschwächte Organisierungsfähigkeit von Gewerkschaften und anderen kollektiven Interessenvertretungen als Gegengewicht zur marktförmigen Demokratie wird kaum durch die Verlängerung des Arbeitstages gestärkt. Es fehlen Zeit und der Glaube an die Möglichkeit gemeinsam erkämpfter Veränderungen. Bereits jetzt bröckelt es an allen Ecken und Enden.

Eine wirkliche Demokratie ist jedoch auch der Parlamentarismus mit 8 Stunden Lohnarbeit bei Weitem nicht. Das Problem liegt tiefer, denn diese Demokratie ruht selbst auf einer durch und durch undemokratischen Grundordnung.

Enteignung von Zeit

Die bürgerliche Demokratie spaltet Gesellschaft in die Sphäre der Politik, in der formale Gleichberechtigung der politischen Bürger*innen herrscht. Und in eine Sphäre des Privaten, der Ökonomie, in der eine Eigentumsordnung das Leben aller beherrscht, die die große Mehrheit zum Verkauf ihrer Arbeitskraft zwingt und der kleinen Minderheit die Möglichkeit gibt, aus der Arbeit anderer alles herauszuholen und sich als Profit anzueignen. Im Bereich des Ökonomischen, der Reproduktion des gesellschaftlichen und intergenerationellen Lebens sind wir keine Gleichen mit gleichen Mitspracherechten.

Die kapitalistische Eigentumsordnung setzt alle Lohnabhängigen in Konkurrenz zueinander und unterwirft sie einer Ordnung der permanenten Enteignung ihrer Zeit. In den Arbeitsverhältnissen herrscht keine Selbstbestimmung oder demokratische Mitgestaltung – das Direktionsrecht des Arbeitgebers setzt andere ins Recht, über unsere Zeit und den Einsatz unserer Arbeitskraft zu entscheiden. Fehlende Autonomie im Arbeitsprozess führt zu alltäglichen Erfahrungen von Ohnmacht und Fremdbestimmung. Dies bereitet den Boden, auf dem autoritäre Bewegungen wachsen – Aufwertung des Selbst durch Abwertung von anderen entsteht dort, wo Anerkennung und Selbstverfügung verwehrt werden.

Um die im Kern undemokratische Ordnung der bürgerlichen Demokratie werden und wurden stets Kämpfe geführt, vor allem um ihre Zeitordnung, weil Interessen unversöhnlich aufeinander treffen: Den einen verspricht die Ausdehnung von Arbeitszeit mehr Profit, den vielen anderen verspricht die Verkürzung der Arbeitszeit den Erhalt der eigenen Arbeitskraft im Sinne der Gesunderhaltung von Körper und Geist, den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes, eine finanzielle Besserstellung durch Verknappung von Arbeitskraft und ein höheres Maß an Selbstbestimmung.aufgezogengif

Zeit für demokratische Aushandlungen

Über die Strukturen, die diesen Interessengegensatz produzieren, haben wir nie demokratisch entschieden. Nie haben wir die Verteilung des Eigentums ausgehandelt, nie haben wir kollektiv bestimmt, dass die einen körperlich wie geistig schädigende Arbeit machen müssen, während andere vornehmlich intellektuell tätig sind. Nie wurde eine Abstimmung darüber durchgeführt, wie viel Zeit die einen für die Erziehung von Kindern, die Organisation des Haushalts, das Zubereiten von Mahlzeiten verbringen und wie viel Zeit die anderen mit Lohnarbeit oder Freizeitbetätigung zubringen.

Zugleich sind die Probleme, vor die wir gestellt sind, riesig: Klimakatastrophe, gärender Faschismus, andauernde patriarchale Gewalt, brutale Ausgrenzung von Minderheiten. Wollen wir an die undemokratischen Strukturen im Kern dieser Probleme heran, dann brauchen wir mehr Zeit – für demokratische Aushandlung über Ursachen, Lösungen und das Erproben von wahrhaft solidarischen Formen des gesellschaftlichen Lebens.

Radikale Arbeitszeitverkürzung

Radikale Arbeitszeitverkürzung bietet die Mittel dafür, den undemokratischen Widerspruch im Innern der bürgerlichen Demokratie zu überwinden und echte kollektive Autonomie zu erreichen. Jede Stunde weniger Lohnarbeit am Tag, jede Stunde weniger fremdbestimmte Zeit ist eine Stunde mehr für uns – das entspricht der politischen Ökonomie der Arbeiter*innenklasse.

Radikale Arbeitszeitverkürzung ist die konkrete Utopie eines guten Lebens, die Orientierung bietet und die kollektive Wiederaneignung unserer Zeit ermöglicht. Echte Demokratisierung heißt, dass wir darüber entscheiden, wie wir arbeiten und produzieren, wie wir Kinder erziehen und versorgen wollen. Dazu müssen wir die Zeit der Lohnarbeit eindämmen.

Die 4-in-1-Perspektive verweist auf die allesamt gleichermaßen notwendigen Tätigkeitsbereiche unseres Lebens – neben ca. 8 Stunden Schlaf kann Lohnarbeit maximal 4 Stunden einnehmen, wenn ausreichend Zeit für Erziehungs-, Sorge- und Reproduktionsarbeit, politische Arbeit, sowie für kulturelle Arbeit bzw. die eigene Entwicklung bleiben soll.

Das Bedürfnis nach Zeit ist universell

Ein Blick in die Geschichte der Kämpfe um Zeit zeigt, was möglich ist und gibt Hoffnung für die Kämpfe heute und morgen. Der 8-Stunden-Arbeitstag beispielsweise war ein globales Projekt der organisierten Arbeiter*innenklasse, denn das Bedürfnis nach Zeit ist universell. In den USA gründeten sich in den 1870er Jahren an verschiedenen Orten 8-hour-leagues, deren zentrale Forderung der 8-Stunden-Tag war. Dass wir heute den 1. Mai international als Kampftag der Arbeiter*innenklasse feiern, geht zurück auf Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung.

100 Jahre nach der Revolution in Frankreich kamen am 14. Juli 1889 Sozialist*innen aus der ganzen Welt zusammen, um die Zweite Internationale zu gründen. Sie fassten den Beschluss, sich den Plänen des US-Arbeiterbundes für eine weltweite Demonstration am 1. Mai 1890 anzuschließen. Die Kernforderung dieser weltweiten Demonstration: der 8-Stunden-Tag. Als 1917 die Oktoberrevolution das zaristische Russland tiefgreifend veränderte, führte die junge Sowjetmacht nur einen Monat später als erstes Land den 8-Stunden-Tag ein – danach folgen viele weitere u.a. Deutschland, Österreich, Frankreich.

Momente der kollektiven Selbstermächtigung

Im Zurückdrängen der Arbeitszeit und im Widerspruch gegen den Zugriff auf die eigene Zeit lag damals und liegt heute ein Moment der kollektiven Selbstermächtigung. Die internationalen Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung waren verwoben mit der Ausweitung demokratischer Beteiligungsformen. In Deutschland wurde der 8-Stunden-Tag das erste Mal Gesetz, als 1918 die Novemberrevolution getragen von rätedemokratischen Ideen die Monarchie stürzte.

Jede noch so kleine Reduktion der Arbeitszeit setzten diese Bewegungen gegen Widerstände durch. Nie wäre ein guter Zeitpunkt für die Verkürzung von Arbeitszeit gewesen, wenn man sich von den Bedrohungsszenarien des ökonomischen Zusammenbruchs hätte einschüchtern lassen. Die Geschichte lehrt also, dass die Grenzen des Möglichen verschiebbar sind. Für die Erweiterung des Möglichen helfen das Wissen um die vergangenen Kämpfe und die Idee einer besseren Zukunft trotz aller Widrigkeiten.

Ein utopischer Horizont

Den aktuellen ökonomischen Verwerfungen und politischen Angriffen setzen wir eine radikale Orientierung an Bedürfnissen und den Zeiterfordernissen des Lebens in seiner Vielfalt entgegen. Denn die Ausdehnung der Arbeitszeit würde einen dramatischen Anstieg von Erschöpfung, Erkrankungen und Unfällen einerseits und einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit andererseits bedeuten, da es nicht genug Kapital-Aktivitäten gibt, um das ganze Arbeitskraftpotential zu verwerten. Die Risse im sozialen Zusammenhalt und der bürgerlichen Demokratie würden tiefer.

Gegen diese Gesellschaftsvergessenheit und Unmenschlichkeit helfen konkrete Utopien als Eröffnung eines Horizonts von Hoffnung und Handlungsfähigkeit. Radikale Arbeitszeitverkürzung ist eine solche konkrete Utopie. Jede Stunde weniger Arbeit ist eine Stunde mehr für uns, für politische und demokratische Zeit, aber auch Zeit zum Durchatmen und für die Entdeckung der eigenen und gemeinsamen Interessen. Der 4-Stunden-Arbeitstag für alle bei vollem Lohn- und Personalausgleich weist die Richtung zu einer demokratischen Aneignung unserer Zeit. Die Rechnung zahlt das Kapital.

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