Fediverse statt Vergesellschaftung
….statt auf gar-nicht-so-staatsferne öffentlich-rechtliche Monopole auf dezentrale und selbstverwaltete Strukturen setzen. Eine praxisnahe Anleitung.
15. Juli 2026 von Alva
Nun, was braucht es also statt gar-nicht-so-staatsferne öffentlich-rechtlich-vergesellschaftete Social Media Oligopole? Eine basisdemokratische dezentrale Selbstorganisation und Bottom-Up-Föderation, um Machtkonzentration und Herrschaftsmechanismen so weit es geht gering zu halten. Das ist bisher nur möglich über dezentrale soziale Netzwerke wie dem „Fediverse“.
Was ist das Fediverse? nach „Fedizine: An Anarchist Introduction to Federated Social Media“:
„Das Fediverse ist ein dezentrales soziales Netzwerk und funktioniert damit komplett anders, als bestehende große Social Media Plattformen. Es verfolgt damit viele anarchistische Prinzipien: Dezentralität, Autonomie, Bottom-Up-Föderation, Offenheit und Freie Assoziation.“
Fedizine (übersetzt aus dem Englischen)
Mastodon ist eine opensource Microblogging-Plattform (Twitter-ähnliche Funktionen) die ein Teil des dezentralen sozialen Netzwerks namens Fediverse ist: Hat man einen Account auf einem Mastodon-Server (z.B. kolektiva.social), kann man Posts an seine Follower*innen senden, die auch auf einem ganz anderen anderen Mastodon-Server (z.B. mastodon.social) einen Account registriert haben können. Damit ähnelt es durchaus dem Prinzip von E-Mail: Von meiner @web.de E-Mailadresse kann ich Leuten auf @gmail.com Nachrichten senden.
Mastodon ist aber nicht die einzige Server-Software mit der man im Fediverse Inhalte teilen kann. Es gibt viele andere:
- „PixelFed“ (Instagram-Alternative),
- „Loops“ (TikTok-Alternative),
- „PeerTube“ (YouTube-Alternative),
- „Piefed“ (Reddit-Alternative),
- „Wafrn“ (Tumblr-Alternative)
- „NodeBB“ (Forum-Alternative)
- „Writefreely“ (Medium-Alternative),
- „WordPress mit ActivityPlugin“ (Blog-Software mit Fediverse-Anbindung),
- „Ghost“ (Substack-Alternative),
- „Castopod“ (Podcaster*innen-Software),
- „Bookwyrm“ (Buchbewertung/Goodreads-Alternative),
- „Mobilizon“ oder „Gancio“ (meetup.com- und Facebook-Veranstaltungen-Alternative),
- „Flohmarkt“ (kleinanzeigen-Alternative)
- und so viele mehr.
Das Wichtige: Alle diese dezentralen Fediverse-Plattformen sind miteinander kompatibel durch eine gemeinsame technische Schnittstelle (technisch korrekt: „Protokoll“ oder auch „Offener Standard“ genannt) namens „ActivityPub“ und sprechen damit die „selbe Sprache“ zu einander. Ich kann also z.B. mit meinem Mastodon-Account Kommentare unter einem PeerTube-Video posten ohne einen PeerTube-Account zu haben. Sobald also eine Person im Fediverse angekommen ist, eröffnet sich eine vielfältige Erfahrungswelt im neuen „open social web“ (als Alternative zu „social media“, was meist Konsum in den Vordergrund rückt; Stiftung), die bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Das Projekt Bonfire ist auch Teil des Fediverse, lässt sich aber nur schlecht mit einem bereits vorhandenem Dienst aus bekanntem Big Tech Social Media vergleichen, weil es eben unglaublich anpassbar ist.
Warum nicht Bluesky?
Bluesky funktioniert ganz ähnlich wie das Fediverse, jedoch nutzt es anstatt „ActivityPub“ das selbstentwickelte Protokoll „ATProto“, was nicht direkt mit ActivityPub kompatibel ist (aber man kann über Bridgy Fed auch Bluesky-Posts im Fediverse empfangen). Bei Bluesky kommt auf fast jede*n Mitarbeiter*in ca. 1,65 Investoren. Zudem wurde von Bluesky in das eigentliche dezentrale Protokoll „ATProto“ einiges an zentralisierenden Elementen eingebaut, wie Christine Lemmer-Webber einmal sehr detailliert dargestellt hat:
„Bluesky wurde von Menschen gebaut, die es gut meinen und sich kümmern, und bietet etwas, was Menschen unbedingt wollen und brauchen. Wenn man einem Twitter-Ersatz sucht, dann findet man das schon heute in Bluesky.Jedoch stehe ich zu meiner Überzeugung, dass Bluesky aktuell nicht ausreichend dezentralisiert ist, aufgrund seiner technischen Definition von „Föderation“ die von bisher bekannten dezentralen Sozialen Netzwerken abweicht. Davon zu sprechen, dass Bluesky dezentralisiert ist und föderiert verschiebt die Defintion beider Begriffe, was ich für inakzeptabel halte.“
Christine Lemmer-Webber (übersetzt aus dem Englischen)
Es geht jedoch nicht darum Leute anzuklagen, die Bluesky verwenden. Immerhin hat es Funktionen, die eine, wenn auch begrenzte, Dezentralisierung ermöglichen. Dazu ist auch ein Vortrag von 2025 von Anuj Ahooja einem der Gründer von BridgyFed interessant, der vom „Letzte Netzwerkeffekt“ spricht, der erreicht sei, wenn alle dezentralen Protokolle (es gibt noch mehr als ATProto und ActivityPub) miteinander sprechen können.
Wenn wir aber in diesem Beitrag linken Organisationen praxisnahe Empfehlungen an die Hand geben wollen, dann sprechen wir von dem Fediverse auf Basis von ActivityPub (und nicht ATProto). Denn nur jenes kommt aktuell unserem Ideal von tatsächlich dezentralisiertem Social Media wirklich nahe. Aber natürlich kann es viel von Bluesky/ATProto und anderen wie Blacksky lernen und sich dadurch verbessern, was bereits schon passiert.
Wie holen sich Linke einen Teil des Internets zurück? Werdet Teil des Fediverse.
0. Probiert das Fediverse mal selber privat aus
Die simpelste Möglichkeit: Ladet die Mastodon-App aus dem App- oder Play-Store (Play -Store-Alternative: F-Droid) herunter und erstellt euch einen privaten Account. Probiert, testet, entdeckt und habt etwas Geduld. Macht es am besten mit einer kleinen Gruppe von Leuten, die darauf Lust haben. Man lernt somit viel schneller und es macht gleich umso mehr Spaß.
Ihr werdet etwas mehr nach Inhalten suchen müssen, weil dort kein Algorithmus euch den Weg weist. Dafür könnt ihr sehr schnell über Hashtags, Trends und Collections (auch „Starterpacks“ genannt) eure Timeline füllen.
Solltet ihr bereits einen Account haben und vielleicht nicht ganz warm geworden sein, dann versucht euch doch mal mit eurem Mastodon-Account bei phanpy.social .
Bei Phanpy handelt es sich um einen Mastodon-Client für den Browser, der die ganzen Inhalte eurer Mastodon-Timeline nochmal anders darstellen und damit die Nutzung für euch angenehmer und sinnvoller gestalten kann.
Keine Lust auf Microblogging oder auf Mastodon? Schaut euch die Liste oben in diesem Artikel an und probiert auch andere Fediverse-Plattformen aus.
1. Alles Crossposten
Linke Organisationen sollten mindestens einen Account im Fediverse haben. Es ist egal ob Mastodon oder Pixelfed oder was ganz anderes. Alle Inhalte die ihr auf Instagram oder anderen Big-Tech-Plattformen teilt, kopiert ihr dann einfach auf diesen Fediverse-Kanal, was man auch als „Crossposten“ bezeichnet. Ihr könnt dazu einfach Tools wie buffer oder fedica verwenden.
Es ermöglicht somit Leuten einen Wechsel ins Fediverse, die bisher gezögert haben, weil sie bestimmte Beiträge von euch vermissen würden. Gleichzeitig baut ihr mit wenig Aufwand einfach eine neue Community im Fediverse auf.
2. Bewerbt immer(!) euren Fediverse-Account
Bei allen Sharepics und Posts sollte immer eine Art Hinweis enthalten sein, wie: „Hey, wenn ihr kein Bock habt unsere Inhalte auf Insta zu sehen, dann schaut doch mal auf unserem Fediverse-Account vorbei.“ Das gilt natürlich auch für Flyer und andere öffentliche Inhalte. Hier ein Sharepic-Beispiel des FAU Instagram Accounts:
Es reicht auch meist nur die Erwähnung eures Fediverse-Accounts mit entsprechendem Logo. Ihr könnt natürlich auch, wenn vorhanden, auf eure Webseite verweisen. Auf der sollte dann auch prominent euer Fediverse-Account zu finden sein. Wenn ihr Social Media Beiträge von euch auf der Webseite einbettet, dann macht dies doch primär mit denen aus dem Fediverse. Ihr könnt ja darunter trotzdem den Link zum Instagram-Post mit gleichem Inhalte verlinken.
Warum sollte man ausgerechnet bei allen Sharepics und Post immer wieder auf das Fediverse aufmerksam machen? Weil es eine Wirkung hat, teilweise direkt, teilweise unterschwellig – wie Werbung: Durch Wiederholung findet eine Gewöhnung statt. Unbekanntes wird durch ständiges Präsentieren wiedererkannt. Das macht aus dem „Was ist das Fediverse?“ oder „Was ist Mastodon?“ auf einmal das „Ja, da habe ich schonmal von x gehört.“. Diese dann „bekannten Alternativen“ kann man dann nutzen, wenn sich der Anlass ergibt, wie Malte Engeler schreibt:
„Die Negativaufmerksamkeit, die Big Tech regelmäßig erfährt, ist eine Gelegenheit, dieses Profil zu schärfen und neben der Verteidigung etablierter Schutzstandards eigene, transformative Positionen zu entwickeln und stark zu machen.“
Malte Engeler, Artikel, Mastodon-Account
Eine Position, die als transformativ gelten sollte, ist ein Wechsel ins Fediverse. Dieser sollte ohne die Angst vollzogen werden, dass man dabei wichtige Informationsquellen verliert. Die Nutzung durch linke Organisationen wäre hierfür ein wichtiger Beitrag .
3. Zu wenig Follower? Bewerbt und veranstaltet DI.Days
Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es den „Digital Independence Day“ auch in eurer Nähe. Personen, die keine Lust mehr auf Big Tech haben, können dort gemeinsam lernen, wie sie den Wechsel umsetzen können. Solltet ihr also Hilfe suchen, bekommt ihr diese meist da. Wenn ihr als Linke bereits Erfahrungen gesammelt habt, dann helft dort gerne aus. So kann man die zukünftigen Fediverse-Follower*innen eures Accounts direkt persönlich begrüßen.
4. Eigene Webseite als Quelle danach Verbreitung
Nach dem „Post (on) Own Site Syndicate Elsewhere“ (POSSE)-Prinzip veröffentlicht man alle Beiträge und Inhalte auf dem eigenen Blog/Webseite und verteilt diese erst dann auf alle weitere Plattformen (Bloggerin Molly White lebt dies bereits: 1, 2). Mit WordPress ist das zum Beispiel recht einfach. Es gibt ‚zig Plugins, womit man jeden Blogpost auch gleich als Social Media Beitrag verteilen kann. Beim Fediverse gibt es sogar die Möglichkeit keinen weitere Account (wie man erst bei Insta einen eigenen anlegen muss) zu verwenden, sondern direkt den Blog abonnieren zu können. Dafür installiert man einfach das ActivityPub-Plugin in WordPress und hat damit auch direkt Follow-, Like- und Reshare-Buttons auf der Webseite einbindbar wie es die FAU BIT macht.
5. Inhalte fehlen im Fediverse, aber die Webseite hat RSS? Baut Brücken!
Vielleicht seit ihr Teil eines Bündnisses, das zwar einen Blog hat und einen Instagram-Account, aber keine Lust/Zeit/Wissen im Fediverse zu posten. Aber ihr wollt deren Beiträge einfach nur resharen, statt alles aufwendig zu kopieren. Dann greift ihnen unter die Arme und baut Brücken („bridges“). Viele Blogs haben einen RSS-Feed, wie z.B. die DA https://direkteaktion.org/feed. Das ist eine Art „Abo-Link“ der auch bei Podcasts zum Einsatz kommt. Mit einem RSS-Reader wie Capy Reader oder FeedFlow könnt ihr diesen Lesen, ganz ohne Account. Man kann diesen aber auch verwenden, um Inhalte von einem Blog in das Fediverse zu übertragen. Eine Möglichkeit ist IFTTT. Damit könnt ihr das Bündnis auch drauf aufmerksam machen, dass es im Fediverse bereits ein Publikum hat und somit von einem Wechsel oder aktiven Betrieb des überbrückten Fediverse-Accounts zu überzeugen.
6. Baut ein solidarisches selbstverwaltetes Social Media auf
Fast alle Fediverse-Software in diesem Artikel ist opensource. Ihr könnt also selbst einfach euer eigenes Mastodon oder Loops betreiben. Da das aber meist mehr Arbeit ist, als einfach nur einen Account zu betreuen, solltet ihr vielleicht andere linke Organisationen finden, die den selben Bedarf haben. Gründet nach basisdemokratischen Prinzipien einen Verein oder eine Genossenschaft, der bzw. die eine Betreuung des Fediverse-Servers übernimmt, Kosten und Einkünfte verwaltet.
7. Baut Fediverse-Föderationen auf
Je solche Fediverse-Vereine oder -Genossenschaften gründen, desto eher lohnt es sich eine Bottom-Up-Föderation aufzubauen, die bei der Gründung von neuen Fediverse-Kollektiven inhaltlich und vielleicht sogar finanziell unterstützen kann. Dazu gehören Services wie gemeinsame Spam-Abwehr oder die Entwicklung von gemeinsamen Serverregeln und inhaltlichen Mindeststandards. Beispiele in Richtung einer Synchronisation und Transparenz von Regeln sind die Initiative Fedipact, als auch das Mastodon-Server-Abkommen. Eine Föderationsstruktur könnte das noch ausweiten und ausdifferenzieren, wie Notfallpläne bei Repressionen ausarbeiten.
8. Baut föderierte Fediverse-Kollektivbetriebe auf
Je mehr Leute in das Fediverse wechseln, desto mehr gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen. Diese können vielleicht nicht immer nur in freiwilliger unbezahlter Arbeit angeboten werden. Dabei anfallende Aufgaben, wie z.B. Softwareentwicklung von opensource Fediverse-Plattformen, wären ein mögliches Betätigungsfeld für Tech-Kollektivbetriebe. Inspiration zur Ausgestaltung kann man sich dabei vom den Konzept der Free Software Syndicates einholen. Auch diese Betriebe sollten Teil einer Bottom-Up-Föderation sein, um Ressourcen und Arbeit zu teilen (Kollektiv X übernimmt Design, Kollektiv Y übernimmt Softwareentwicklung).
Los geht’s!
Viele FAU Syndikate haben den Fediverse-Wechsel schon umgesetzt. Folgt ihnen doch gerne dort. Es werden noch viele mehr dazu kommen. Ein befreites selbstverwaltetes Social Media ist ein weiterer Baustein für die Schaffung einer befreiten Gesellschaft. Werdet Teil davon: Im Fediverse und im Syndikat.






